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Bitte Platz nehmen – Wichtiges rund um den Sattel

Er gehört zu den Herzstücken im Sortiment des Reitsportfachhandels. Der Sattel! Ob mit eigener Sattlerei, mit gelerntem Sattelfitter oder mit einer engen Kooperation zu den Top-Sattlermeistern der Umgebung – das Thema Sattel von der Anpassung über die Herstellung bis hin zur Reparatur ist einer der Kundenmagneten schlechthin.

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Zwischen Tradition und Trend
HIPPO fragt nach bei KIEFFER
 
In den letzten Jahren sind deutsche Traditionsfirmen so ein bisschen aus dem Fokus der Verbraucher verschwunden und neue/ausländische Marken überfluteten den Markt.  
 
Warum? Was ist versäumt worden?
 
Stefan Schwanbeck: „Die deutschen Sattel­marken waren Weltmarktführer und konnten durch Tradition, Entwicklung und Werbepartner über Jahrzehnte die Pole Position halten. Seit zehn bis 15 Jahren haben hohe Werbebudgets auslän­di­scher Hersteller dafür gesorgt, dass der Verbraucher auf neue Marken aufmerksam wurde. Das Design wurde moderner, die Vertriebswege teilweise direkter, auf Messen wurden die Reiter und Rei­terinnen informiert. Parallel dazu haben die eta­blierten deutschen Marken nicht diese Geschwindigkeit angenommen. Erfreulicherweise hat es sich heute etwas beruhigt und wurde wieder geradegerückt. Die deutschen Marken sind wieder sexy und der Verbraucher hat die Probleme im Service und der Qualität über die Grenzen hinaus erkannt.“

© www.kieffer.net

  
Was machen die neuen Marken in Sachen Service und Marketing besser? Was kann man also von ihnen lernen?
 
Stefan Schwanbeck: „Im Service kann nur der Fachhandel vor Ort punkten. Egal welche Marken ver­trieben und angepasst werden. Durch entsprechend hohe Preise der Produkte wurden die erwirtschafteten Margen in die Vermarktung gesetzt. Das kann auch in der Zukunftskal­­ku­lation der deutschen Marken berücksichtigt werden.“
 
Was spricht dennoch für die deutschen Traditionsmarken, wo also sehen Sie einen mög­lichen Qualitätsvorsprung? Sind es die Materialien, der Aufbau, die Verarbeitung?
 
Stefan Schwanbeck: „Nach heftigem Auf und Ab kann man heute sagen, dass die Traditionsmarken zurück sind. Hochwertige Materialauswahl, Fach­arbeiter im Handwerk sowie kompetente und erfahrene Konzepte sind die Basis eines sehr guten Sattels. Gleichmäßige Polsterungen, Leder­auswahl, Baumtechnik sind einfach nicht zu toppen.“
 
Die Corona-Krise hat die Wirtschaft schwer getroffen. Doch die deutschen Sattelher­steller scheinen zu den Matchwinnern dieser harten Zeiten zu gehören. Warum ist das so und wie zeigt sich das?
 
Stefan Schwanbeck: „Erstaunlich war das Käuferverhalten während der Corona-Krise und es hält unverändert an: Eine extrem hohe Nachfrage nach Qualitätsmarken made in Germany war die Folge und verursachte in der Produktion eine tolle Auslastung. Neu muss es sein und ein verlässlicher Partner wurde gewählt.“
 
Was müssen die deutschen „Sattel-Dinos“ tun, um am Puls der Zeit zu bleiben und den etwas angestaubten Ruf aufzupolieren?
 
Stefan Schwanbeck: „Das Image sollte auf dem Weg der Verjüngung aufpoliert werden, um für die neuen Käuferschichten ansprechend zu sein. Parallel steht jedoch die deutsche Qualität im Vordergrund und verleiht dem Kunden Sicherheit. Ich persönlich glaube auch, dass die Aufnahme von zu viel weiteren Produkten nicht markenförderlich ist. Jedoch gehört das Zubehör um Sattel und Zaumzeug in gewohnter Qualität mit zum Sortiment und schließt den Kreis der zufriedenen Markenkunden vollständig.“
 
Was wünschen Sie sich als Traditions­unter­nehmen vom Fachhandel und von freien Sattlern?
 
Stefan Schwanbeck: „Unser Unternehmen hat sich enorm in der Produktion weiterentwickelt. Daten der Pferderücken werden erfasst und individuelle Lösungen gefertigt. Das geht heute ratzfatz. Neben dem Handwerk vor Ort wünschen wir uns die fachliche Weiterbildung und ein offenes Ohr für die Traditionshäuser. In der Vergangenheit sind viele Marken gekommen und schon wieder weg. Einfach mal bei den besten bleiben und dann steht dem Erfolg nichts im Wege. Hier wünsche ich mir wichtige Infos für den Fachhandel, die eine informationsdichte und kundenorientierte Beratung optimieren.“
 
Besten Dank, Stefan Schwanbeck, CEO bei Kieffer, www.kieffer.net
 

  
HIPPO im Gespräch mit Sattelexpertin Farina Fuest
Sind baumlose Sättel für Profis ebenso geeignet wie für Freizeitreiter oder wo stoßen sie an ihre Grenzen?
 
Farina Fuest: „Die meisten Profis starten ihre Pferde ja auch auf Turnieren. Die LPO gibt dort klar vor, dass die Pferde mit einem Sattel geritten werden müssen, der einen Sattelbaum hat. Hier wird ihnen die Wahl also abgenommen. Darüber hinaus belasten Profis die Pferde gezielter und stärker als viele Amateur- und Freizeitreiter. Es würden schnell Empfindlichkeiten und daraus folgend Widersetzlichkeiten bei den Pferden auf­kommen.“
 
Sind baumlose Sättel Nischenprodukte von „Außenseiter“-Firmen oder bieten auch die Top-Marken hier Produkte an?
 
Farina Fuest: „Die meisten Firmen suchen sich einen Schwerpunkt auf dem Markt aus: Maßsättel, Sättel für breite und kurze Pferde, ausschließlich Dressursättel, Sättel für den gehobenen Sport, günstigere Sättel, für den Freizeitbereich, baumlose Sättel. Ziel ist immer, dass diese auf die Pferde passen und auch die Reiter sich wohlfühlen.“
 
Was sind die häufigsten Fragen, welches die häufigsten Vorurteile in Bezug auf baumlose Sättel?
 
Farina Fuest: „Vorurteile gibt es eher aus Sattlersicht. Selbstverständlich kann es sehr schwierig sein, für ein Pferd mit besonderem Rücken (kein oder zu viel Widerrist, zu dünn oder rund) den passen­den Sattel zu finden, unter dem sich das Pferd wohlfühlt und gleichzeitig auch der Reiter losge­lassen und entspannt sitzt. Die Kunden sind häufig sehr überzeugt von den baumlosen Sattelprodukten und sehen keine Nach­teile. Der Sattler wiederum stellt immer die Gesunder­haltung des Pferdes in den Vordergrund. Er wird aufgrund dessen immer einen Sattel mit Baum empfehlen.“
 
Besten Dank, Farina Fuest!
 

 
Mit oder ohne – bei Sätteln über den Baum geschaut
by Sattelmeisterin Farina Fuest
 
Lasten tragen mit Komfort
Prinzipiell gibt es zwei Sattelarten: die mit Sattelbaum und eben die baumlosen Sättel. Das Herzstück der englischen Sättel ist ein fester Sattelbaum, auch wenn mittlerweile Sättel mit hoch flexiblen Sattelbäumen entwickelt wurden (zum Beispiel Maxflex und Butterfly). Im Gegensatz dazu haben baumlose Sättel – wie der Name schon sagt – keinen Baum. Gemäß dieser Definition sind also auch Sitzkissen den baumlosen Sätteln zuzuordnen. Wie wir wissen, sind Pferde keine Lastentiere. Dennoch nutzen wir das Reitpferd als solches und das ganz unabhängig von der Disziplin (Freizeit, Dressur, Springen, Vielseitigkeit, Distanz, Western). 
 
Die Frage ist also: 
Welche Sattelart ist für mein Pferd und mich die beste? Sättel mit Baum entstanden, damit das Pferd Lasten auf seinem Rücken tragen kann. Mittels zweier Holzbretter links und rechts, durch eine Holzstrebe vorne und hinten verbunden, sollte das Gewicht auf eine große Fläche verteilt werden, später auch das Reitergewicht. Bis heute wurden diese Bretter natürlich immer weiter perfektioniert, bis schließlich der heutige Sattelbaum entstand. Nach dem Einbauen kann der Baum an sich nicht mehr verändert werden. Einige Hersteller (nicht alle) ermöglichen lediglich das nachträgliche Verändern des Kopfeisens. Bei einem Sattel mit Baum ist die Sturzfeder in der Regel außen, oben auf dem Baum angebracht. Hier gibt es allerdings auch Sättel, bei denen diese leider zum Pferd hin angebracht sind und dann starke punktuelle Druckpunkte entstehen lassen.
 
Kissen mit Füllung
Die meisten Sättel, und zwar unabhängig ob sol­che mit oder ohne Baum, haben Wollsattelkissen. Hierin unterscheiden sich die beiden Sattelarten also nicht. Das individuelle Anpassen erfolgt durch die Sattelkissen, die entweder mit Wolle oder Latex gefüllt sind. Wobei nur die Wollsattelkissen ein direktes Nachpolstern ermöglichen. Latexkissen werden bei der Herstellung mit einem Latexschaum ausgegossen, der sich nicht mehr nachträglich polstern oder verändern lässt. Diese Sättel müssen dann zurück zum Hersteller geschickt werden, der die Kissen austauscht. Die Krux dabei ist, dass dies durchaus zwei bis sechs Wochen dauern kann, bis die Kissen neu gefertigt wurden. Ein Zeitraum, in dem sich Pferde, die sich im vollen Training befinden, sehr stark verändern (können). Es besteht also die Gefahr, dass das ge­fertigte neue Kissen nach der Fertigung gar nicht mehr optimal passt.
 
Komfort (nur) für den Reiter?
Eine immer größer werdende Reiteranzahl ist überzeugt von baumlosen Sätteln. Da diese Sättel baumlos sind, passen sie scheinbar jedem Pferd. Zusätzlich geben viele Reiter an, dass ihre Pferde deutlich freier aus der Schulter heraus laufen. Diese Schulterfreiheit wird ermöglicht durch das fehlende oder bewegliche Kopfeisen. Ohne Baum kann jetzt aber nicht mehr das Reitergewicht optimal auf dem Pferderücken verteilt werden, sodass der Druck punktuell höher ist. Es entstehen Empfindlichkeiten gerade im hinteren Bereich der Brustwirbel, da dort nun die meiste Last getragen werden muss. Dafür ist das Pferd jedoch nicht ausgelegt. Die meiste Last (zirka 60 Prozent) sollte im vorderen Bereich der Brustwirbel getragen werden und nicht dahinter. Auch ein Sitzkissen, welches von den meisten Reitern als sehr bequem empfunden wird, kann das Reitergewicht nicht gleichmäßig verteilen. Das Pferd wird immer punktuell die Sitzbeinhöcker seines Reiters spüren. Dies wird sogar noch durch Steigbügelriemen verstärkt, da diese direkt über den Rücken oder Widerrist laufen (bei einem Sattel mit Baum laufen diese über den Baum). Wenn man sich also für ein Sitzkissen entscheidet, dann sollte man, um Scheuerstellen auf dem Rücken vorzubeugen, dieses immer ohne Bügel nutzen. Einen baumlosen Sattel oder Kissen hin und wieder zu benutzen, ist tendenziell erst einmal nicht grundsätzlich falsch. Der Reiter sollte sich aber bewusst sein, dass das Reitergewicht anders auf den Rücken übertragen wird als eben beim Sattel mit Baum. Apropos Reitergewicht: Diese Thematik ist eine äußerst sensible – und nicht selten machen sich Sattler, die das „schwere“ Thema anpacken, unbeliebt. Aber: Man muss bei der Beratung offen und ehrlich kommunizieren, dass ein hohes Reitergewicht dem Pferderücken in jedem Fall – und letztlich eben auch bei einem Sattel mit Baum – Probleme bereitet. Etwas leichter fürs Pferd machen es hier Sattelbäume (meist aus Kunststoff), die sehr stabil sind und kaum Bewegung durchlassen. Diese Bäume sind ins­besondere für unausbalancierte und schwere Reiter eine gute Unterstützung, um das Pferd nicht aus seiner eigenen Balance zu bringen. Deutlich angenehmer fürs Pferde sind natürlich Sattelbäume, die eine gewisse Bewegung zulassen und so bei­spiels­­weise Gewichtshilfen, aber auch die Längs­biegung des Pferdes durchlassen.
 
Baumlos stark nachgefragt
Heutzutage informieren sich viele Reiter (nachdem sie alle Meinungen von Freunden und Bekannten schon auswendig kennen) in Internet­foren und Gruppen. Häufig haben sie auch schon eine scheinbar endlose und frustrierende Odyssee hinter sich und das mit diversen Sattlern, Fittern, Sattel-Verkäufern und auch Sätteln aus dem Freundes-/Bekanntenkreis und dem Internet. Sie suchen nach einer anderen und einfach passenden Lösung für ihr Pferd und sich. Viele stoßen dann auf baumlose Sättel, die dann erst einmal auf jeden Rücken gelegt werden können. Es gibt viele Hersteller, die ihre Produkte auf ihren Internetseiten vorstellen, und die Reiter sind von dem Grundgedanken und Konzept sehr angetan: passen sich jedem Pferderücken an, große Schulterfreiheit. Die Nachfrage ist in den letzten Jahren deswegen deutlich gestiegen. Häufig fragen Freizeitreiter nach diesen Sätteln. Der Sitzkomfort steht bei ihnen an erster Stelle, weil häufig längere, entspannte Ausritte an der Tagesordnung stehen. Aber auch in der Dressur werden sie schon mal angefragt. Im Vordergrund steht die oben genannte Schulterfreiheit. Bei einem normal gepolsterten baumlosen Sattel kommen auch die Gewichtshilfen sehr gut durch, da die vom Pferd natürlich deutlich schneller erfühlt werden als mit einem Sattelbaum. Wenn der baumlose Sattel dann so stark gepolstert wird, dass er doch das Reitergewicht gleichmäßiger verteilt, so sitzt der Reiter weiter weg und die Gewichtshilfen kommen schwammiger beim Pferd an. Man muss sich hier entscheiden, beides kann man nicht haben.

© Farina Fuest

Top Infos für Ihre Kunden
Dem Kunden sollte immer noch einmal deutlich gemacht werden, wieso es Sättel mit Baum gibt: wegen der Druckverteilung! Pferderücken sind nicht zum Tragen von Lasten ausgelegt. Erst das korrekte Training und auch Reiten befähigt sie, das Reitergewicht, ohne dabei selbst Schaden zu nehmen, zu tragen. Dem Kunden muss daher immer verdeutlicht werden, dass ein baumloser Sattel kein Dauerzustand ist. Für gelegentliche Ausritte oder eine ver­einzelte Reitstunde können sie aber eine Option sein. Durch meinen Beruf sehe ich täglich die Wirkung von (un)passenden Sätteln (mit und ohne Baum). Explizit durch baumlose Sättel ausgelöst, habe ich Pferde gesehen, die eine wirklich unterentwickelte Rückenmuskulatur haben, durchgedrückte Rücken, Kopfschlagen, Abwehrreaktionen beim Satteln, Gurten und Aufsteigen zeigen. Gerade Reitkissen sollten zumindest ohne Steigbügel benutzt werden, um Scheuerstellen direkt auf dem Rücken zu ver­meiden. 
 
Ihre Ausbildung zur Reitsportsattlerin absolvierte Farina Fuest im Jahr 2011 als Kammersiegerin im Bezirk Münster. Nach ihrer Ausbildung folgten Anstellungen unter anderem bei Tom Büttner (Dresden), Reitsport Schockemöhle (Mühlen) und Albion Saddlemakers (Wallsall, England), immer mit dem Ziel vor Augen, ihr handwerkliches Können noch weiter aus­zubauen und zu verbessern. Dieses Streben gipfelte im Jahr 2018 in ihrem Abschluss als Meister im Sattler- und Feintäschnerhandwerk. Fuest betreibt inzwischen eine eigene Sattlerei, in der sie in Handarbeit und mit viel Liebe zum Detail Sättel repariert und an die indi­viduellen Bedürfnisse von Pferd und Reiter anpasst. www.sattlerei-fuest.de
 

 

© Kriemhild Morgenroth

 
Sättel mit Maß 
by Kriemhild Morgenroth
 
Der Sattelmarkt in der heutigen Zeit ist umfangreich und bisweilen nur schwer überschaubar für den Kunden. Mehr denn je ist der Reiter angewiesen auf kompetente Beratung. Was Sie wissen müssen, um die Vor- und Nachteile der gängigsten Sattel­arten informationstief beraten zu können, erläutert Ihnen Kriemhild Morgenroth.
  
Nachgefragter Hybrid
Den größten Marktanteil hält der Teilmaßsattel. Gebaut auf einen Sattelbaum aus unterschiedlichen Materialien wie Kunststoff, Holz, Leder oder auch Carbon, verwirklichen die jeweiligen Hersteller im Herzstück des Sattels ihre Ideen. In der Regel bezieht sich die Innovation hier auf den vorderen Teil des Sattels inklusive Kopfeisen. Um die unterschiedlichen Größen zu erhalten, wird der Baum in den hinteren zwei Dritteln einfach nur länger. Der Vorteil liegt auf der Hand. Schnelle Verfüg­barkeit des Sattelbaumes, ein überschaubarer Aufwand an Schulung des Fachpersonals und, nach Entwicklung und Herstellung des Baumes, geringere Kosten für den Arbeitsaufwand. Für Reiter und Pferd „maßgeschneidert“ ist beim Teilmaßsattel die Blattlänge und -winkel, Efterhöhe (kann variiert werden), Blattwinkel und eine begrenzte Auswahl an Kissenhöhe, -form und -breite. Oft steht auch eine große Auswahl an Farbakzenten, Swarovski-Steinen und fancy Details zur Verfügung, welche die Funk­tion des Sattels weder verbessert noch verschlechtert, jedoch zunehmend vom Kunden erwartet wird.
 
Baum unter Druck
Nicht jedes Pferd braucht einen Vollmaßsattel! Da bei den Teilmaßsätteln inzwischen eine große Anzahl an Optionen zur Verfügung steht, kommt es hier tatsächlich auf die richtige Beurteilung und Anpassung an. Zum einen die korrekte Kissenform und -höhe: Das Kissen soll den vom Baum aufgenommenen Druck großflächig verteilen. Dazu ist es wichtig, die vorhandene Fläche des Longissimus zwischen Ende Schulterblatt und 18. Rippe zu nutzen. Was leider oft übersehen wird, ist: Trägt das Kissen den Baum? Oder ist, wie leider bei wenigen, allerdings sehr populären Sattelmarken, der Baum in der Taille so schmal gehalten, dass er in diesem Bereich neben dem Kissen liegt? Dies gibt zwar dem Reiter ein angenehmes Sitzgefühl, führt jedoch mittelfristig zu massiven Problemen beim Pferd. Die Kissenhöhe muss die Widerristhöhe „aus­gleichen“, das heißt, sie muss hoch genug sein, um den Sattel in Balance zu bringen. Dies jedoch ohne ein zu hartes, vollgestopftes Kissen zu pro­duzieren! Hier kommen viele Teilmaßsättel bei den modernen Sportpferden an ihre Grenzen.
 
Perfekte Position
Ein sehr wichtiger Punkt wird leider in der Arbeit mit Teilmaßsätteln oft außer Acht gelassen: Der Reiter muss zwingend am Ende des Widerrists sitzen. Hier haben wir die kürzesten und kräftigsten Dornfortsätze, sitzen im Schwerpunkt und können somit die Hilfen korrekt platzieren. Diese Position sollte jedoch nicht nur über die Polsterung erreicht werden: Tatsächlich ist es notwendig, dass der jeweilige Sattler genaue Kenntnisse über den Schwung des von ihm vertriebenen Sattelbaumes hat und genau beurteilen kann, an welcher Stelle der vordere Teil des Baumes endet und wieder in den Rücken läuft. Ein langer Widerrist beispielsweise, kombiniert mit einem vor dem Reiter kurzen Sattel, ist zwar optisch und gefühlt in Balance zu bringen. Da der Druck des Baumes aber über das Kissen auf den Pferderücken übertragen wird, wird das Pferd früher oder später diesen Druck zu spüren bekommen und, je nach Empfindlich­keit, reagieren. Hier gilt es also, genaue Kenntnisse des vertriebenen Produktes zu haben. Zudem bedarf es einer größeren Auswahl verschiedener Marken, um das breite Spektrum an unterschied­lichen Pferd-Reiter-Paaren korrekt bedienen zu können. Ist sich der jeweilige Sattler der Möglich­keiten des von ihm vertriebenen Produktes vollumfänglich bewusst, kommuniziert das auch ehrlich mit dem Kunden und findet den passenden Teil­maßsattel, so ist auch hier ein sehr gutes Ergebnis zu erzielen.
 
Einzigartiges Modell
Unsere Reitpferdezucht produziert heutzutage, ent­sprechend der Nachfrage der Reiter, immer mehr hypermobile, sehr bewegungsstarke Pferde mit großer, schräger Schulter, einem weit in den Rücken reichenden Widerrist und einem kräfti­gen Motor in Form einer starken Hinterhand. Das Ganze in Verbindung mit einer kurzen Lende. Eine echte Herausforderung für den Sattler. Bei diesen Pferden bleibt tatsächlich oft nur die An­fertigung eines Vollmaßsattels. Um diesen korrekt zu fertigen, bedarf es neben der umfassenden Vermessung von Pferd und Reiter auch einer gründlichen Evaluation der Anatomie beider. Vorhandene Stärken und mögliche Pro­bleme des Reiter-Pferde-Paares sollten angesprochen, die gewünschten reiterlichen Ziele abgefragt werden. Bei der Fertigung eines Vollmaßsattels wird auch der Sattelbaum in Schwung, Taillierung, Sitzbreite und -tiefe speziell für das zu besattelnde Pferd gefertigt. Optimalerweise wird auch das Kopfeisen in Form und Länge genau passend gewählt. Dies alles hat den enormen Vorteil, dass ich den Reiter problemlos an der richtigen Stelle (Ende Widerrist) platziere und die Polsterung angenehm weich fürs Pferd halten kann. Der Baum selbst folgt dem Rückenverlauf und der Form des Pferderückens. Die Druckverteilung ist bei korrekter Handhabung optimal. Was den Reiter betrifft, habe ich weit mehr Möglichkeiten als beim Teilmaßsattel, auf die individuellen Bedürfnisse einzugehen. Ich kann Blattwinkel, -breite und -länge exakt so gestalten, wie die Länge des Reiterbeines es vorgibt. Das­ gleiche gilt für die Breite von Taillierung und Sitz und die Matratzierung desselben. Die Vorteile des Vollmaßsattels liegen also auf der Hand: Die optimale Passform sorgt für optimale Druckverteilung, ein Sitzen im Schwerpunkt (unterstützt durch den Baum) hat punktgenaue und feine Einwirkung zur Folge. Ein von den Kunden als großer Nachteil empfundener Punkt ist der Preis. Da ein so genaues Arbeiten schlecht mit dem sehr häufigen „Outsourcing“ vereinbar ist (ein Großteil der Sattel­firmen lässt Teile oder auch den ganzen Sattel in Ländern mit niedrigerem Lohnniveau fertigen), zeigt sich dies natürlich im höheren Preis. Ein im Vollmaß ge­fertigter Sattel bedarf eines gewissen­haften und kundigen Sattlers, der nicht nur über fundierte Kenntnisse von Anatomie und Bio­mechanik verfügen muss, sondern auch selbst erfahrener Reiter sein sollte. Zudem ist die Kom­munikation des am Kunden arbeitenden Sattlers mit der Werkstatt von gravierender Bedeutung für das Gelingen.
 
Zusammensetzbar – der Modulsattel
Last but not least stehen die immer mehr auf den Markt drängenden Modulsättel im Fokus. Damit sind Sättel gemeint, deren einzelne Komponenten vorgefertigt auf Lager liegen und dann beim Kunden nach dessen Wünschen und Bedürfnissen einfach zusammengesetzt werden. Die einzelnen Module sind konkret: Sitz, Kopfeisen, ein Paar Sattelblätter sowie ein Paar Kissen (oft mit Luftpolsterung, dem sogenannten Flair-System). Durch eine große Auswahl der Einzelteile suggerieren diese Sättel die Idee schier grenzenloser Anpassbarkeit. Vermittelt wird ein problemloser Umbau bei Ver­änderung des Pferdes. Dies ist bei Zusammenarbeit mit gut geschulten Sattelfittern für viele Kunden attraktiv. Inwieweit das „Stecksystem“ bei längerer Belastung stabil bleibt, wird sich erst mit der Zeit zeigen. Auch finde ich persönlich es wichtig, gewisse physikalische Gegebenheiten nicht außer Acht zu lassen. Sitz, Kissen und Sattelblätter müssen auf­einander abgestimmt sein und können nicht wahllos untereinander vertauscht werden. Interessant sind für viele Kunden das Preis-Leistungs-Verhältnis, die schnelle Verfügbarkeit und die Vielfalt der Auswahlmöglichkeiten. Kritisch sehe ich, dass hier den Kunden vermittelt wird, sie könnten auch selbständig einen Teil der Anpassung vornehmen.
 
Tolle Produkte – top Service
Generell gilt: Es gibt viele gute Sättel auf dem Markt! Damit ein gutes Produkt jedoch auch gut funktioniert, bedarf es eines guten Service. Nur so ist gewährleistet, dass der „passende“ Sattel (sowohl vom Typ und Aufbau als auch der finalen Anpassung vor Ort) Pferd und Reiter dauerhaft gesund erhält und zufrieden stellt. 

© Kriemhild Morgenroth

 
„Unsere Zeit stellt uns, die wir in der Sattelbranche tätig sind, vor andere Herausforderungen, als dies noch vor 30 Jahren der Fall war. Veränderungen in der Zucht, Rassevielfalt, aber auch ein höherer Anspruch der Kunden an Qualität und Service fordern deutlich intensivere Betreuung. Intensivere Forschung zum Thema Sattelpassform hat uns viele Erkenntnisse gebracht, welche früher nicht beachtet wurden. Dies ist, meines Erachtens, eine positive Entwicklung für unsere Pferde.“ K.M.
 
Vielen Dank, Kriemhild Morgenroth! 
 
Nach der Ausbildung zum Sattelfitter in Deutschland arbeitete die gelernte Berufsreiterin Kriemhild Morgenroth fünf Jahre lang zusammen mit ausgewählten, internationalen Sattelmarken. Seit Juni 2019 entwickelt, designt, produziert und vertreibt sie mit ihrem Unternehmen Kriemhild Morgen­roth Saddlery in Deutschland maßgefertigte Premium-Leder­sättel. Neben ihren eigenen Sätteln ist Morgenroth das Ver­mitteln von Fachwissen über Sattelfitting ein Anliegen. Sie kooperiert mit der Veterinärmedizin der Universität Leipzig, hält Vorträge und Workshops in Reitschulen und Vereinen. „Je mehr die Reiter über den Sattel und die Anatomie und Biomechanik des Pferdes wissen, desto besser“, so ihr Ansatz. www.kriemhild-morgenroth.com
 
Veröffentlichung in der Ausgabe HIPPO 7/2020 

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