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Die Wiedergeburt – Produkte mit Vergangenheit

Es war einmal eine PET-Flasche. Zunächst lebte sie mit prickelnder Brause gefüllt in einem kühlenden Schrank und wurde von Zeit zu Zeit ausgeführt. Doch nachdem sie ihren Dienst getan und Durst gelöscht hatte, nachdem sie alt und leer war, wurde sie achtlos weggeworfen. Sie lag regennass im Straßenstaub und nur der Wind sorgte hin und wieder für ein bisschen Bewegung in ihrem tristen Dasein. Eines Tages dann kam wieder Leben ins Spiel. Die trübe Plastikflasche wurde emporgehoben und eingesackt. Sie wurde gewaschen, geschnitten, gefärbt und in die Sauna geschickt. Und als sie wieder so richtig beisammen war, lag sie auf einem wunderschönen Pferd und hielt dieses sorgsam warm – als robuste Outdoordecke aus recycelten PET-Fasern...

© passja1000_Pixabay

 

Wenn Umweltsünden wieder auftauchenRund 160 Millionen Tonnen Altplastik schwimmen weltweit in unseren Meeren. Jährlich, so bestätigt das Umweltbundesamt, kommen schier unvorstellbare sechs Millionen Tonnen Plastikmüll dazu. Riesige Müllfladen treiben auf den Wellen, 80 Prozent davon sinkt mit der Zeit auf den Meeresboden. Auf feinem Seesand verfangen in filigranen Korallen entdeckt man zerdrückte Einwegflaschen, leere Tuben, zerfetzte Tüten. Kunststoffmüll in allen Formen und Funktionen warten hier die nächsten 450 Jahre darauf, endlich verrotten zu können – vieles davon landet zuvor in den Bäuchen von Fischen und anderen Meeresbewohnern und lässt diese elendig krepieren.
 
Das Märchen von der guten Tat - Befürworter des Plastik-(flaschen)-Recyclings freuen sich darüber, dass ein Kilo des besonderen Garns acht ehemalige PET-Flaschen enthalte, dass „das Meer ein bisschen gereinigt sei“ und die Plastikberge nicht weiterwachsen. Sie führen an: Sowohl Energie- als auch Wasserverbrauch seien vergleichsweise geringer als bei herkömm­lichen Chemiefasern. Weiteres Manko dieser „normalen“ Kunst­stofffasern: In sie fließen nicht beachtliche Mengen an Rohöl. Auch im Vergleich zum Naturprodukt Baumwolle sehen sie die PET-Garne im Vorteil: Schließlich benötigt ein Kilo konventionell erzeugter Baumwolle im schlimmsten Fall bis zu 200 Badewannen voll Wasser und ein erhebliches Maß an Dünger und Pflanzenschutzmittel. Zudem sind die Baumwollpflanzen häufig genmanipuliert. Darüber hinaus jubeln die Pro-PET-Modefans über die Tatsache, dass gerade kleine Labels diese vermeintliche Art der Bekleidung designen und so den Modemogulen die Stirn bieten. Diese Unternehmen würden in der Regel sozial nachhaltiger und fairer produzieren...
 
PET – ein hin und her - Polyethylenterephthalat (PET) ist ein vielseitiger Werkstoff mit riesigem Einsatzgebiet. Es wird beispielsweise als Textilfaser genutzt. Etliche Getränkeflaschen werden ebenfalls aus PET hergestellt. Eine enge Verwandtschaft also zwischen der Mode und der Getränke-Industrie, die im Rahmen des Recyclings zunehmend genutzt wird und dem PET einen leichten Vorteil vor anderen Kunststoffen verschafft. So kann also eine Flasche Schritt für Schritt zur Jacke mutieren – und umgekehrt.  Mit speziellen und durchaus aufwendigen Verfahren wird dabei aus alten PET-Flaschen und ähnlichen Verpackungen wieder Rohmaterial hergestellt, das die Mode Hersteller in Form von Garnen und Fasern nutzt. Die Flaschen werden gesammelt, die Restinhalte herausgewaschen, Etiketten, Kleber und Deckel entfernt. Maschinen sortieren die Flaschen nach Farben oder entfärben sie chemisch, andere Schreddern sie. Dann werden die Plastikteilchen eingeschmolzen, zu kleinen Pellets gegossen und daraus neue Fasern und Garne fabriziert. Dann wird wieder coloriert... Diese Garne sind allerdings nicht geeignet, um die alleinige Textilbasis einer neuen hochwertigen Funktionsfaser zu bilden. Es muss also neues PET hinzugemischt werden. Lediglich „minderwertige“ Produkte wie Bau-Vliese oder Putzlappen könnten daraus gefertigt werden.
 

© congerdesign_Pixabay

Umstrittene Ökobilanz - Das klingt kompliziert, lässt sich aber mit ein wenig Gespür für Marketing gut verkaufen. Doch: Wie bewerten Fachleute diesen Recycling-Prozess? „Technisch“, das sagt Textilforscher Kai Nebel, „ist das Umwandeln von PET zu Garnen durchaus möglich“, doch viel Positives gewinnt der Textil­forscher von der Hochschule Reutlingen dieser Art des Recyclings nicht ab: „Aus Flaschen eine Jacke, eine Hose oder eine Pferdedecke zu fertigen, ist ökologisch und ökonomisch ziemlicher Quatsch. Zum einen ist das Flaschen-Recycling in Deutschland ein wirklich gut funktionierender Kreislauf und der Aufwand, eine Flasche zu einer Flasche zu recyceln, ungleich geringer als diese eben in Mode zu verwandeln.“ Nebel weiter: „Das ist eine totale Marketing-Blase und hat mit wirklicher Nachhaltigkeit nichts zu tun“. Das Recycling vom Einsammeln über das Waschen, Entfärben und Einschmelzen benötigte nämlich Unmengen an Energie und Chemie. Zudem stünden die Recycling-Anlagen meist in Asien, wo gar nicht genügend alte PET-Flaschen gesammelt würden. Deshalb reisen die PET-Flaschen tatsächlich aus Europa und Amerika um die halbe Welt, verbrauchen bei ihrer Tour tonnenweise CO2, um dann „nachhaltig“ recycelt zu werden. „Das Recycling von PET-Flaschen ist einer der wenigen Kreisläufe, bei denen die Wiederverwertung ohne großen Aufwand funktioniert“, erklärt Kai Nebel und plädiert dafür, aus Flaschen wieder Flaschen zu machen. Denn das mache Sinn. Auch dem Sammeln vom Müll vom Meeresboden aus Recycling-Gründen erteilt er eine Absage: „Zunächst einmal ist es leider so, dass diese Sammelaktionen meist nur sehr singulär stattfinden, und zwar, wenn Kamera-Teams vor Ort sind. Es kommt also gar nicht genügend Ma­terial zusammen. Zudem ist Plastik nicht gleich Plastik – und all die verschiedenen Sorten, die da jahrelang am Meeresboden fristen, haben mit dem Plastik, wie man es zum Recycling nutzen könnte, nicht mehr viel zu tun.“ Nebel schimpft: „Was ein Aufwand, um aus einem kurzlebigen Plastik-Teil ein wiederum kurzlebiges Teil wie eine ein paar Monate Trend seiende Kollektionsjacke zu designen.“ Ein Produkt mit Anteilen recycelter Fasern lässt sich übrigens nicht ein zweites Mal recyceln. Der Textil­ingenieur geht so weit zu fordern: Verbrennen Sie altes Plastik und zwar in modernen Anlagen. Das ist sauberer und Umweltschonender als das vermeintlich nachhaltige Recyceln“. Am besten natürlich findet er: Weniger Plastik in den Umlauf zu bringen.
 
Schauermärchen Mikroplastik - Kunststoffhaltige Textilien und eben natürlich auch solche, die aus alten PET-Flaschen, aus Plastik­tüten oder Zahnpastatuben bestehen, geben beim Waschen kleinste Plastikpartikel ins Wasser ab. Dieses gefährliche Mikroplastik landet dann genau dort, wo die materialgebende Kunststoffbasis her­ausgefischt wurde – in Flüssen und Meeren, und die Recycling-Idee auf dem Boden der Tatsachen. Darüber hinaus gelten Textilien aus recycelter Kunstfaser als vergleichsweise giftig: Denn wenn man die Kunstfasern recycelt, konzentrieren sich hierin auch die Schadstoffe. Bestimmte Substanzen, die in herkömmlicher Polyesterfaser in akzeptablem Maße vorkommt, durchzieht Recycling-Garn in toxischer Konzentration, die, da sind sich die Wissenschaftler einig, für den Träger nicht gesund ist.
 
Secondhand statt Recycling - Alternativ zum Umwandeln der Plastiktüte zur Outdoordecke raten Experten zum Umdenken im Konsumverhalten. Das Wiederverwerten von Kleidung steht hier ganz oben auf der To-do-Liste: Und zwar so, wie sie ist: Gebraucht! Denn auch das Recycling von Bekleidung zu neuer Bekleidung funktioniert überhaupt nicht problemlos, blickt Kai Nebel hinter die Kulissen. Aktionen wie „Satte Rabatte bei der Rückgabe einer alten Reit­hose“ seien eben auch nur geschicktes Marketing. Viele Mischgewebe eignen sich gar nicht erst zum Recycling und bei den Teilen, bei denen das Basistextil recycelbar ist, muss zuvor alles entfernt wer­den, was eben nicht Faser ist: Reißverschlüsse, Knöpfe, Ziernähte, Aufnäher sowie sämtliches Bling-Bling. Es müsse also, so die Forderung, Secondhand genutzt werden: „Behandeln Sie ihre Textilien sorgfältig“, mahnen Nachhaltigkeits-Idealisten und bitten: Geben Sie diese danach zum Secondhand-Handel. Der Appell an den Einzelhandel lautet folglich: Vermarkten Sie gebrauchte Ware. Und zwar so wertig, dass sie auch mit Lust konsumiert wird. Die Hersteller müssten zudem weg von der Fast Fashion für Ross und Reiter: „Früher gab es zwei Kollektionen pro Jahr, heute werden permanent neue Trends gesetzt und neue Textilien produziert. Vieles, was produziert wird, landet unverkauft und ungetragen auf dem Müll. Das ist eine Tragödie“, schüttelt Kai Nebel den Kopf.  
 
Besten Dank, Kai Nebel
Kai Nebel ist Leiter der Forschungsgruppe textile Verfahrenstechnik und Produktentwicklung am Lehr- und Forschungszentrum für Interaktive Materialien der Hochschule Reutlingen. 
 

www.td.reutlingen-university.de

 

 

© Pixabay

Hätten Sie gewusst, dass...

 

...die Modewirtschaft der zweitgrößte Klimakiller der Welt ist – direkt hinter der Erdöl-Industrie? Hochgiftige Chemikalien, Berge von Mikroplastik und Unmengen an Pestiziden hinterlassen unter anderem gemeinsam mit einem wahnwitzigen Energieaufwand und Unmengen an Wasser hinterlassen einen über­dimensionalen Fußabdruck, den die Umwelt nie vergisst. Alternative Materialien für Kleidung sind deshalb im Kommen. Experimentiert wird mit so ziemlich allem, was die Welt zu bieten hat. Angefangen von Faserigem aus Bambus, Bananenschale oder Ananasblättern über Milchprodukte bis hin zu Algen, Krabbenpanzer oder Fischhaut.

...Stoffgemische aus Natur- und Kunstfasern sich nicht mehr recyceln lassen!

...allein in Deutschland jährlich 45 Millionen Plastikflaschen verbraucht werden.
...mit über 1,5 Billionen Euro Umsatz die Modebranche einer der größten und einflussreichsten Industriezweige der Welt und somit Branchen-Riese ist. Nicht nur in Sachen Herstellungsverfahren ist sie ausgesprochen beispielgebend, auch durch ihren Absatz hat sie eine enorme globale Wirkung. Als Vorreiter muss sie also mit gutem Beispiel vorangehen und in Ressourcenschonung, Müllvermeidung und Recycling ein Ausrufezeichen setzen.

...circa eine Milliarde ungenutzte Kleidungs­stücke in deutschen Schränken liegen. Wie viele nie oder selten eingesetzte Schabracken in den Spinden der Sattel­kammern fristen, ist nicht bekannt. 

...Sie und Ihre Kunden per EU-Recht das verbriefte Recht haben, innerhalb von 40 Tagen vom Hersteller eine Antwort auf die Frage nach Giftrückständen in der Kleidung zu erhalten.

 

Veröffentlichung in der Ausgabe HIPPO 9/2020 

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