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Aufhalftern bei Trensenberatung

Nicht ab-, sondern aufhalftern sollen Sie beim Wissen rund um das Thema Zäumung. Geballte Fachkompetenz liefern hier Veterinär Dr. Kai Kreling und Trensenherstellerin Lara Van Oost von Hillbury. Tenor ist: Top Qualität bei den Produkten, sorgsame Maßarbeit bei der Beratung und die Schulung des Kunden in fachgerechter Verschnallung machen die Zäumung zu einem essentiellen Ausrüstungsbestandteil, mit dem sich das Pferd durchaus wohlfühlen kann!


 
Im Zaum gehalten
Um ihre Pferde im Zaum zu halten, greift die Mehrzahl der Reiter, zumindest im alltäglichen Trainingsgeschehen, zur Trense. Wie Sie wissen, besteht die Trensenzäumung aus zwei Hauptteilen: dem Trensenzaum, zu dem auch das Gebiss und die Zügel gezählt werden, sowie dem Reithalfter. Das Reithalfter ist dabei in Form und Funktion sehr variabel und hat im Rahmen der Zäumung folgende Aufgaben: Es koppelt die Position des Oberkiefers an die Position des Unterkiefers. Es sorgt für Entlastung der Laden bei der Einwirkung des Gebisses. Das geschieht dadurch, dass ein Teil des Druckes auf den Unterkiefer indirekt auf den Nasenrücken übertragen wird. Auch verhindern die sogenannten Sperrriemen ein Aufsperren des Pferdemauls. Mit welchem Reithalfter die Reiter ihre Pferde zäumen, ist häufig eine reine Geschmacksfrage. Das sollte aber nicht so sein. Denn jede der Zäumungen – von der mexikanischen bis zur schwedischen, von der hannoverschen bis zur kombinierten – wirkt sehr unterschiedlich. Ihre besonderen Effekte gilt es zu kennen und bedarfsentsprechend einzusetzen. Hier sind Sie als kundiger Berater und Verkäufer gefragt! Die Maxime muss immer sein, dem Pferd die Zäumung so angenehm wie möglich zu machen, ohne die Rittigkeit wegen mangelnder Einwirkungsmöglichkeiten hintenanzustellen.  

Foto: Dr. Kai Kreling

Dr. Kai Kreling
Die Anteile der Trense und ihre Wirkung auf das Pferd
Unsere Pferdeklinik beschäftigt sich seit langem mit der Optimierung von Trainings- und Sportbedingungen bei Turnierpferden. Ein wichtiger Teil ist die Zäumung, bei der der „Wohlfühlfaktor“ für das Pferd genauso berücksichtigt wird wie die Möglichkeiten für reiterliche Hilfengebung. Die Trense sollte aus hochwertigem, weichem Leder gearbeitet, die Kanten des Leders dürfen nicht scharfkantig sein. Eine rundgenähte Trense ist optisch sehr ansprechend, aber die runde Form der Riemen führt zumindest da, wo der Trensenzaum an Biegungen den Pferdekopf umschließt, zu einem erhöhten Druck gegenüber flachen Riemen. Riemen, flach oder rund, sollten aus weichem Leder mit breiter Aufliegefläche gearbeitet sein. Dies ist für eine Belastung im Sport eine Grundvoraussetzung. Das Genickstück muss anatomisch geformt, breit gearbeitet und gepolstert (unterlegt) sein. Es ermöglicht so dem Pferd ein vollständiges Ohrenspiel. Der Druck auf das Genickstück ist auf die begleitende Muskulatur seitlich hinter dem Genick zu verteilen. Der höchste Punkt des Hinterhauptes ist möglichst ausgeformt. Diese Konstruktionen führen dazu, dass die Druckverhältnisse, vor allem bei der Verwendung von Gebissen mit einer Hebelwirkung wie Kandaren- oder Mehrringgebisse, sich für das Pferd gleichmäßig auf eine große Fläche verteilen, ohne einen unangenehmen Druck im Genickbereich zu verursachen. Eine stabile Verbindung des Stirnriemens mit dem Genickstück verbessert die konstante Passform des Genickstückes. Der Stirnriemen liegt so auch in höheren Gangarten stabil am Kopf an. Die Stabilisierung des Unterkiefers gegen den Oberkiefer ist die zentrale Aufgabe des Reithalfters. Ohne diese Stabilisierung der Kiefer würde der Kaumuskel permanent gegen die Zügelhilfen und damit den Zug am Unterkiefer gegenarbeiten müssen. Das ermüdet den Unterkiefer und führt zu einer Verminderung der Durchlässigkeit und Rittigkeit des Pferdes. Dazu muss das Reithalfter so verschnallt werden, dass eine Entlastung des Kaumuskels gewährleistet ist, aber das Maulspiel weitmöglichst erhalten bleibt. Eine zirka schneidezahnbreite seitliche Verschiebung der beiden Kiefer gegeneinander muss möglich sein. Dies ist bei der Befestigung des Reithalfters zu beachten und bietet ein gutes Kriterium, wie fest zu verschnallen ist. Jede Verschnallung, selbst wenn sie angemessen ist, drückt unmittelbar auf die Haut und den unter der Haut liegenden Schädelknochen. Eine natürliche Polsterung durch Bindegewebe ist nur im geringen Maß vorhanden. Die Polsterung des Nasen- und auch des Kinnriemens ist unabhängig von der Reithalfterkonstruktion zur Verhinderung von Scheuerstellen deshalb so enorm wichtig. Reithalfter drücken zusätzlich unwillkürlich auf dünne Kopfnerven, vor allem im Bereich des Nasenrückens. Hier ist neben der korrekten Verschnallung auf eine ausreichende Polsterung zu achten.
Bei einigen auf dem Markt angebotenen Trensen, wie speziellen Modellen des australischen Herstellers Antares, sind ein gut unterlegter Nasenriemen und zwei ebenfalls unterlegte Kinnriemen stabil miteinander verbunden. Dies führt in der Praxis zu einer sehr konstanten Positionierung des Reithalfters. Durch die Verteilung des Druckes im Unterkieferbereich kommt es genau an den kritischen Stellen, an denen die „natürliche“ Polsterung beim Pferd nicht vorhanden ist, zu einer Druckverteilung und damit Druckminimierung. Der Knochen des Unterkiefers ist hier nur mit Haut bedeckt und es findet sich kein Bindegewebe zwischen der Haut und dem Knochen. Schmale und einfach gearbeitete Riemen sind hier immer wieder druckverursachend und für empfindliche Pferde ein deutlicher Sensibilitätspunkt. Gute Lederqualität, breite unterlegte Riemen und die Druckverteilung auf zwei Kinnriemen verbessern die Passform und den Komfort für das Pferd deutlich.  

  

Foto: pixabay

Kopfsache
Der Pferdekopf besteht fast nur aus Haut und Knochen. Eigentlich ist dieser Bereich viel zu empfindlich, um daran eine Menge Leder und Metall zu befestigen. Nur eine dünne Hautschicht bedeckt den Schädelknochen, keine umfangreichen Fettpolster oder Muskelberge liegen schützend dazwischen. Große und kleine Blutgefäße laufen hier, teils deutlich sichtbar immer dann, wenn das Pferd angestrengt arbeitet. Aber auch viele Nerven und andere wichtige Strukturen – etwa die Speicheldrüsen und ihre Ausführungsgänge – sind im Bereich der Oberfläche unsichtbar „eingebaut“ oder verlaufen oft nur wenige Millimeter unterhalb des dünnen Fells. Diese Strukturen sind besonders empfindlich – wir Menschen kennen das Phänomen, wenn wir uns versehentlich den kaum geschützten, am Ellbogen direkt unter der Haut liegenden Nervus ulnaris anhauen – dieser „Musikantenknochen“ sagt uns dann sehr deutlich, was er von dieser groben Behandlung hält! Ähnlich müssen wir uns die Situation am Pferdekopf vorstellen. Anders als die größeren Blutgefäße, deren Verlauf sich zumindest erahnen lässt, zeichnen sich die Nerven allerdings nicht ab, oft aber begleiten sie die Adern. Es liegt auf der Hand, dass diese empfindlichen Strukturen es nicht vertragen, wenn zu großer oder zu lang andauernder Druck ausgeübt wird. Lange bevor die Haut darauf mit sichtbaren Spuren reagiert, leiden bereits die Nervenbahnen, werden Blutgefäße gequetscht, wird Gewebe durch den Druck und die Reibung regelrecht am darunterliegenden Knochen zerrieben. Dies verläuft optisch wesentlich weniger dramatisch als etwa ein ausgewachsener Satteldruck, aber gerade deshalb wird die Problematik oft unterschätzt. Was kann der Reiter tun? Eine ganze Menge! Das Zaumzeug sollte so geschnitten sein, dass es der Anatomie des Pferdekopfes folgt und nicht auf Knochenvorsprüngen oder anderen empfindlichen Stellen drückt oder reibt (Ohrknorpel, Gesichtsleiste). Weiches, breit geschnittenes Leder ohne hervortretende Nähte oder Schnallen an der Unterseite ist zu bevorzugen. Rundgenähte Zaumzeuge sehen zwar besonders schick aus, die Auflage ist allerdings auch sehr schmal, der ausgeübte Druck verteilt sich somit nur auf eine kleine Fläche. Grundsätzlich ist immer zu prüfen, wie viel Leder tatsächlich sein muss: So manches Riemchen erfüllt keine Funktion und kann getrost weggelassen werden. Soll ein Overkill an Leder lediglich Ausbildungsdefizite übertünchen, ist ganz sicher Umdenken angesagt. 


Foto: pixabay


Messpunkte
 
Genick und Backenstück: Messen Sie von einem Maulwinkel im Abstand von einem Zentimeter hinter den Ohren über das Genick zum anderen Maulwinkel.
 
Größe Stirnband: Messen Sie zwei Finger breit unter dem Ohr und ein Zentimeter
hinter dem Jochbein vorne über die Stirn bis zur gleichen Stelle am anderen Ohr (locker).
 
Größe Reithalfter: Messen Sie an der Stelle, wo Sie das Reithalfter verschnallen,
den Gesamtumfang der Nase.
 
Größe Jochbeinabstand: Messen Sie den Abstand von einem Jochbein zum anderen. Kopieren Sie diese Infos einfach und drucken Sie auf einem Handzettel aus. Ihr Kunde wird sich über diese Hilfestellung beim Ausmessen der Trense freuen und das Merkblatt (auf dem Ihre Kontaktdatenstehen) gerne mitnehmen.
 
Zu kurz gedacht
Zu den Schwachpunkten schlecht angepasster Trensen zählt ein zu kurzes Stirnband: Wird dieses zu klein bemessen, zieht es alles nach vorne. Insbesondere das Genickstück kommt dadurch zu nah an die Pferdeohren und es zwickt und zwackt. Weiterhin ist bei vielen Warmbluttrensen der Jochbeinabstand am Nasenriemen zu eng bemessen.
 
Maßarbeit oder Stangenware? Die Drei-Klassen-Gesellschaft, wie sie beim Gros der Zäumungen herrscht, ist nicht vielfältig genug. Denn: Die Form der Pferdeköpfe ist variabler, als man denkt. Mögliche Größen- und Profil-Unterschiede lassen sich eben nicht einfach durch das Verschnallen kompensieren. Maßarbeit ist gefragt! Einige Hersteller bieten Zeichnungen an, auf denen die Punkte, die gemessen werden müssen, notiert sind. Ein tolles Hilfsmittel für Ihre Kunden. 


 HIPPO fragt, Lara Van Oost antwortet
 
Sollte es – wie beim Sattel – Vorort-Termine zum Trensen-Ausmessen geben? Ich meine nämlich, dass Trensen zu sehr als Standard-Ware verkauft werden, ohne sich Gedanken über die optimale Anpassung zu machen.
Mit der richtigen Anleitung kann ein Kunde den Kopf seines Pferdes selbst ausmessen. Und mit unserem Angebot, die Trense am Pferdekopf anhand von Fotos zu beurteilen, haben wir dann noch einmal eine Gegenprüfung, ob wirklich alles optimal passt. Mit diesem Angebot und der Möglichkeit der Größenkombination haben wir eine hochwertige Alternative zum Vor-Ort-Termin geschaffen. Anders als bei einem Sattel kann eine Trense über ihre Schnallen feinjustiert werden.
 

Foto: © Hillbury, www.hillbury.de

 
Auf welche ergonomische Formung und welche anderen Besonderheiten legen Sie beim Design Ihrer Trensen besonderen Wert?
Das Wichtigste ist für mich ein ergonomisch geformtes Genickstück mit reichlich Platz für die Pferdeohren. Jedes Genickstück ist bei uns zusätzlich weich unterpolstert. Unsere Backenriemen verlaufen unterhalb des Jochbeins. Außerdem haben wir weiche Kinnpolster für die empfindlichen Kieferäste. Eine weitere Besonderheit ist bei uns die sehr sorgfältige Auswahl des Leders. Wir suchen in handwerklichen Gerbereien in ganz Europa nach besonders weichen und anschmiegsamen Lederhäuten. Unsere Nasen-, Stirn- und Genickriemen sind zum Pferdekopf mit weichem Moosgummi gepolstert, das mit handschuhweichem Elchleder überzogen ist.
 
Die englischen Größen zwischen Full und Cob entsprechen welchen deutschen Größen?
Cob entspricht Vollblut und Full entspricht Warmblut. Aber das ist nur eine grobe Orientierung, da die Größen bei allen Herstellern unterschiedlich ausfallen. 
 
Sie verkaufen keine Sperrriemen, warum?
Der Sperrriemen wird leider häufig dazu verwendet, Reiterfehler zu kaschieren, wenn das Pferd aufgrund einer zu harten Reiterhand das Maul aufsperrt und der Reiter dieses dann zuschnürt. Wenn der Kiefer fixiert wird, hat das Auswirkungen auf die umliegenden Muskeln. Nur ein Pferd, das kauen kann, kann auch die gesamte Hals- und Rückenmuskulatur loslassen und sich frei bewegen. Ist diese „Stoßdämpfer-Funktion“ nicht gewährleistet, müssen die Wirbelsäule und Gelenke bei jedem Schritt das abfangen, was sonst die Muskulatur ausgeglichen hätte. Die Folgen: Prellungen und Gelenkschäden. Das Pferd öffnet normalerweise leicht das Maul, um den Druck des Gebisses auf den Gaumen auszugleichen. Das kann es logischerweise nicht, wenn das Maul zugeschnürt ist. An der Stelle, an der das Trensengebiss gegen den Gaumen drückt, sitzen aber Nervenrezeptoren, die den Schluckreflex unterbinden und den Deckel des Kehlkopfes blockieren. Dadurch entsteht das Einspeicheln des Pferdes, was also in erster Linie ein Zeichen dafür ist, dass das Pferd seinen Speichel nicht abschlucken kann. Außerdem liegen am ganzen Pferdekopf empfindliche Nerven. Darum ist es auch so wichtig, dass jede Zäumung wirklich gut und richtig sitzt. Zumal dort, wo sich der Sperrriemen befindet, ein besonders empfindlicher Nerv unter der Haut verläuft. Dies sind nur ein paar Punkte, die unsere Entscheidung bestärkt haben, die Trensen mit Sperrriemen aus dem Sortiment zu nehmen. Und das Feedback der Kunden und Facebook-Fans bestätigt, dass schon lang auf dieses Statement für pferdefreundliches Reiten gewartet wurde. Vielen Dank, Lara Van Oost! Lara Van Oost ist Inhaberin des Trensen-Labels Hillbury, www.hillbury.de
 

Veröffentlichung in der Print-Ausgabe HIPPO 12/2018

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