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Bodyguards für Pferdebeine

Sie sollen schützen und stützen, die Gamaschen, die man ums Pferdebein schnallt, doch schon lange bremsen Fachleute – vom Biomechaniker bis zum Veterinär – den Boom um die Bodyguards für Pferdebeine ab. Auch wenn sie kein Allheilmittel zum Vermeiden von Verletzungen sind, so haben die Gamaschen von der Trainingsgamasche bis hin zur Transportgamasche als Schlagschutz dennoch ihren festen Platz im Ausrüstungsfundus.

Ob als Halbschalen-Version oder Rundum-Verpackung, ob lang oder für hinten in der Kurzform der Streichkappe – schon allein die Formvarianten zum vermeintlichen Schutz der Pferdebeine sind vielfältig. Hinzu kommt eine Fülle von Materialien – zum soften Auskleiden, kräftigen Schlagschutz, nachhaltigen Fixieren. Was für eine Produktvielfalt – und welch tolle Gelegenheit für jeden Ihrer Kunden, genau das Richtige herauszufinden!
 
Ihr Ratschlag für die Alltagsgamasche sollte sein: Je schlichter die Gamaschen, desto praktischer ist sie. Sucht Ihr Kunde jedoch Modelle für Stangen-, Spring- oder gar Buschtraining, können Sie tief in die Beratung einsteigen. Selbiges gilt für Gamaschen für Ausritte, für intensives Dressur- oder Westerntraining. Ein sehr spezielles Feld und im Zuge der Wellness-Welle stark aufkommend: Gesundheitsgamaschen. Hier gibt es vieles, was prinzipiell als Decke und Schabracke funktioniert, auch als Variante für die Beine. Immer mehr Wert legen die Hersteller auf Belüftungsmechanismen, die das Erwärmen des Beines und der Gamasche reduzieren sollen. Neben Mesheinsätzen halten hier Luftkanäle das Klima kühl.
 
Passt perfekt
Ob weiche Hightech-Textilien, natürliche Auspolsterer wie Fell, herrlich weiches Leder oder aber formbare Gels, das Innere der modernen Gamaschen setzt auf Anpassung: gut gepolstert, vorgeformt und mit Aussparungsmulde im Bereich des Sporns. Das flexible Innere liegt schlüssig am Bein, so dass möglichst wenig Sand von außen zwischen Gamasche und Pferdebein eindringen kann. Das schützt vorm Aufscheuern. Auch ist die Gefahr des Verrutschens während der Bewegung dadurch minimiert. Die Gamaschen, deren Innenleben aus Softmaterialien bestehen, gleichen sich dem jeweiligen Pferdebein im Laufe des Tragens zunehmend an. Angenehm im Prinzip. Das bedeutet aber auch, dass die Passform im Verlaufe des Benutzens immer individueller wird. Also sollte diese Art Gamaschen immer nur für ein Pferd genutzt werden und nicht für mehrere – ein wichtiger Hinweis im Zuge der Beratung!
 
Sauber gepflegt
Gamaschen müssen top gepflegt werden! Und da sind Plüsch- oder Fellgamaschen sicherlich im Nachteil gegenüber schlichten, glatten Varianten. Damit die Gamaschen weder scheuern noch rutschen oder irgendwann doch Druckstellen erzeugen, werden sie sofort nach dem Reiten abgenommen und anschließend aufs Sorgfältigste gepflegt – ausgebürstet oder gar gewaschen. Sonst drohen Scheuerstellen, Hauterkrankungen oder gar geschädigte Sehnen. Sie können hier im Cross-over-Verkauf spezielle Pflegepräparate der Hersteller offerieren.
 
Gewusst wie
Nicht jeder Ihrer Kunden ist ein Profi. Fragen Sie ruhig nach, ob man im Gebrauch mit Gamaschen vertraut ist. Ansonsten hilft eine kleine Demonstration an der Beinplastik: Verstärkungen kommen nach innen, Klettverschlüsse oder Schnallen nach außen. Die Verschlüsse zeigen von vorn nach hinten. Angelegt, wird die Gamasche richtig, indem sie von oben her mit der Fellrichtung in die richtige Position geschoben wird. Der Fesselkopf findet in der dafür vorgesehenen Mulde Platz. Die Größe der Gamasche stimmt, wenn die unterste der Befestigungen sich knapp oberhalb des Fesselkopfes befindet und das Karpalgelenk nicht mehr von der Gamasche bedeckt wird.
 
Alles auf Durchzug
Das Erhitzen der Pferdebeine unter den Gamaschen gehört zu den am häufigsten genannten Argumenten gegen den Gebrauch von Gamaschen. Deshalb sind die Hersteller allesamt bemüht, durch immer besser werdende Belüftungsmechanismen einen Wärmestau zu vermeiden und den Beinschutz zunehmend atmungsaktiv zu konstruieren: Mesheinsätze, perforierte oder mit Luftkanälen ausgestattete Materialien sowie Textilien, die Schweiß am Bein absorbieren und nach außen transportieren, bilden die Grundlage für „Luft am Bein“. Nicht immer – und das muss man ganz klar wissen – halten die modernen Modelle, was die Hersteller mit ihren Kühlungspatenten versprechen.
 
 

© Jakobi


Heile Beine – Gamaschen als Therapeuten
Die Gesundheitsindustrie räumt dem Pferdebein als Ansatzpunkt von Prävention, Reha und gesamtem Wohlbefinden eine große Stellung ein. Ob Wellen, Wärme, Vibrationen Gamaschen fixieren Wellness am Bein und bringen die Gesundheit der Pferde auf Trab. Da sind beispielsweise Gamaschen die mit dem Prinzip der Magnetfeld-Resonanz-Therapie arbeiten. Aber auch Produkte, die über ihre Inlaits Infrarot-Licht reflektieren, haben sich bewährt. Außerdem nutzen viele Reiter moderne Kühlgamaschen in unterschiedlichen Formen.
 
Frostiger Druck
Kühlung, wie sie beim Anlegen von Kühlgamaschen bezweckt wird, bewirkt einen Temperaturrückgang im geschädigten Gewebe. Die Kälte dämpft Entzündungen aller Art, weil durch eine verringerte Körpertemperatur die Aktivität der Entzündungsmediatoren gehemmt wird. Der Flüssigkeitsaustritt aus Blut- und Lymphgefäßen verringert sich, die Gefäße verengen sich und die Haut wird spärlicher durchblutet. Das funktioniert natürlich in Kombination mit der Kompression durch die angelegte Gamasche besonders gut. Kühlgamaschen finden ihren Einsatz beim gesunden Pferd nach sportlicher Belastung im Zuge des abpflegenden Cool Downs, zur Reha und auch als flankierendes Therapeutikum bei Behandlungen von Verletzungen, angefangen vom einfachen angelaufenen Bein bis hin zu veritablen Sehnen oder Bänderschäden. Nicht nur im Zusammenspiel mit Druck, sondern auch mit Vibrationen kommen Kühlgamaschen zur Anwendung.

Reflektierte Wärme
Der Pferdekörper gibt über Haut und Fell Infrarotstrahlungen von innen nach außen ab. Auf diesem Wissen basiert die Funktionsweise von keramikgefütterten Gamaschen und setzt die Wirkung folgendermaßen um: Die körpereigenen Wärmestrahlen werden von der Gamasche aufgefangen und wiederum in Form von Infrarotwärme reflektiert. Dafür sorgt das Innenfutter der Produkte, das aus einem innovativem Mischgewebe aus keramischem Pulver und Baumwolle gefertigt ist. Am Pferdekörper angelegt, nimmt das Mischgewebe die Körperwärme auf und reflektiert sie bei zirka 36 Grad als gesundheitsfördernde Infra-rotwellen. Infrarotstrahlung wird seit Jahrtausenden therapeutisch eingesetzt und wirkt sich bekanntermaßen positiv auf die körpereigene Widerstandskraft und auf die Selbstheilungsfähigkeit des Körpers aus. Die Infrarotstrahlung ist in der Lage, nachhaltige Regenerationsprozesse in der Tiefe des Gewebes zu unterstützen und zu beschleunigen. Sie wirkt sich positiv auf die körpereigene Widerstandskraft und auf die Selbstheilungsfähigkeit des Körpers aus. Durch erhöhte Transpiration wird eine porentiefe Hautreinigung erreicht. Die abgegebene Schwitzflüssigkeit besteht nicht nur aus Wasser, sondern sie schwemmt Fett, Cholesterin und Schadstoffe aus. Außerdem entsteht durch die erhöhte Transpiration ein so genannter passiver Trainingseffekt, der die Organe stimuliert, die Herzfrequenz erhöht und den Stoffwechsel ankurbelt. Die vermehrte Blutzirkulation verbessert die Versorgung der Zellen, die Tiefenwärme wirkt gegen Viren und Bakterien. Zudem werden Muskeln und Gelenke entlastet. Diese Spezialgamaschen werden sowohl zur Vorbeugung von Erkrankungen als auch bei der Reha erfolgreich eingesetzt. Sie wirken schmerzlindernd, schmerzstillend und gesundheitsfördernd.

Good Vibrations
Mikro-Massage kommt in Gamaschen ebenfalls zum Einsatz. Das mit Strom betriebene Gamaschenset übt feinste Vibrationen aus. Hierbei wird zunächst die Spezialgamasche ans Pferdebein angelegt. In die dafür vorgesehene Halterung wird dann ein Gerät gesteckt, welches die entsprechenden feinsten Vibrationen aussendet. Die Gamasche in Verbindung mit dem Handgerät bewirkt eine tiefe zirkulierende Massage für das ganze Bein. Dadurch werden die lokale Durchblutung und der Lymphfluss verbessert sowie die Muskeln entspannt und die Gelenkbeweglichkeit optimiert. Der medizinische Vorteil liegt in der tiefen, dreidimensionalen Bewegungstechnik, durch die das ganze Pferd therapiert wird. So wird sowohl die Beweglichkeit als auch die Leistung des Pferdes gesteigert. Diese Vibrations- Gamasche ist ein effektiver Weg, die meisten Bein-, Sehnen- und Hufprobleme zu behandeln. Die Gamasche wird auch eingesetzt bei Bänderzerrungen, Schwellungen durch Traumen oder Entzündungen, Kreislaufstörungen, Arthrose und entzündete Sprunggelenke.
 
Heilende Magnetfelder
Gesunde Gelenke sind von einem elektrischen Feld umgeben. Das sorgt dafür, dass sich die körpereigenen Zellen immer wieder von Neuem aufbauen. Wird durch Verletzungen oder Erkrankungen das elektrische Feld gestört, verliert der Körper die Fähigkeit, sich selbst zu regenerieren, oder die Fähigkeit wird eingeschränkt. Durch die Magnetfeldtherapie werden die Störungen behoben. Gamaschen, die nach diesem Prinzip heilen, sind ebenso beliebt wie die entsprechenden Decken und aktivieren – am Bein – den Zellstoffwechsel und stimulieren die Neubildung von Gewebe und Zellen. Entzündungsprodukte und Schlackestoffe werden dadurch rascher abtransportiert, der Heilungsprozess unterstützt. Magnetfeld-Gamaschen haben sich vor allem bei Prellungen, Verspannungen, Verletzungen der Bänder und Sehnen, degenerativen Erkrankungen, Gallen und Wundheilungsstörungen bewährt, doch auch als Vorbereitung zum Training oder beim Wettkampf für die bessere Durchblutung der Muskulatur oder als Nachsorge bei Training und Wettkampf zum Beheben von Mikrotraumen. 

Laut LPO…
Das Thema „Hinterbeingamaschen“ ist heiß diskutiert. Die FN hatte sich klar für das stufenweise Verbot der Gamaschen ausgesprochen, da bestimmte Formen der Ausrüstung den Bewegungsablauf der Pferde beeinflussen können. Dabei sollten die Gamaschen ausschließlich zum Schutz der Pferdebeine dienen. Ein Verbot wird zunächst ab 2019 für die Ponyreiter, Children, Amateure und Veteranen eingeführt, von 2020 an für die Altersklassen Junioren/Junge Reiter/U25 und von 2021 an auch für die Senioren. „Die schrittweise Abschaffung hat den großen Vorteil, dass mögliche Probleme bei der Umsetzung der neuen Regel, die es bei Regeländerungen in der Praxis geben kann, in den Folgejahren besser ausgeglichen werden können“, hatte Generalsekretär Soenke Lauterbach, der die FN in Montevideo vertrat, bereits im Vorfeld der Entscheidung erklärt. Die FN hat in der Neuauflage ihrer Leistungsprüfungsordnung (LPO) ab 2018 bereits klargestellt: Gamaschen und alle sonstigen zum Schutz der Pferdebeine erlaubten
Ausrüstungsgegenstände sind nicht nur korrekt anzulegen, sondern dürfen mit dem Betreten des Vorbereitungsplatzes Springen auch grundsätzlich nicht mehr verändert werden.
 
Verbotene Gamaschen
Welche Gamaschen bereits verboten sind, können Sie im Ausrüstungskatalog der LPO nachschlagen – online zu finden unter www.pferd-aktuell.de/lpo/zugelassene-ausruestung.
Weisen Sie Ihre Kunden darauf hin, wenn ein Gamaschen-Modell nicht auf dem Turnier zugelassen ist!

Formvollendet
Hartschalengamaschen aus Hartgummi, Leder oder PVC mit einer soften Innenseite aus Neopren werden vornehmlich zum Springreiten genutzt. Sie umschließen das Röhrbein und ein Stück vom Fesselkopf. Es gibt diese Schalengamaschen sowohl für die Hinter- als auch für die Vorderbeine.


Zuggamaschen sind im Prinzip verkürzte Hartschalengamaschen, die den Fesselkopf schützen. Durch die Fixierung der Gamasche von zwei Klett-Bändern entsteht bei vielen Pferden eine vermehrte Reaktion der Hinterbeine am Sprung. Auf dem Turnier sind sie nicht zulässig.

Streichkappen aus Hartgummi oder Leder werden an den Hinterbeinen angelegt, um die Beine im Bereich des Fesselkopfes zu schützen. Die Fesselkopf-Innenseite ist so für ein Anschlagen der Hinterbeine gegeneinander („streichen“) gesichert.

Fesselkopfgamaschen aus Neopren oder Leder gehen komplett ums Pferdebein und schützen es rundum vor Schlagverletzungen durch die eigenen Hufe. Diese Variante ist sowohl im Westernbereich als auch bei den Dressurreitern zu finden. 

HIPPO fragt Dr. Florian Roggel 
 
Welche Wirkung haben Gamaschen wirklich?
Dr. Florian Roggel: „Korrekt angelegte und passende Gamaschen schützen in gewissem Umfang vor Verletzungen durch von außen einwirkende Traumen, wie zum Beispiel wenn sich das Pferd mit dem anderen Huf selbst tritt oder durch Äste beim Ausreiten im Gelände. Gamaschen schützen aber keinesfalls vor Überlastung von Sehnen, Bändern und Gelenken, auch wenn einzelne Hersteller das versprechen.“
 
Wie sieht eine ideale Gamasche aus?
Dr. Florian Roggel: „Um einen ausreichenden Schutz des Pferdebeins vor äußeren Verletzungen zu gewährleisten, sollte die ideale Gamasche das Bein von hinten und von den Seiten mit einer Hartschale umschließen. Zudem sollte sie an der Innenseite gut gepolstert sein, idealerweise mit Lammfell oder Neopren. Als Verschluss sind elastische Klettverschlüsse am besten, weil sie kaum zu stramm angezogen werden können. In der Regel sind Standard-Hartschalengamaschen (ohne Gel-Polster oder ähnliches) völlig ausreichend.
 
Thema Transportgamaschen: Lieber die ganz langen soften oder die alten harten Modelle „Marke Klumpschuh“ oder lieber bandagieren?
Dr. Florian Roggel: „Ich empfehle generell die Verwendung von Transportgamaschen; das Pferd sollte vor dem ersten Transport allerdings unbedingt ausreichend daran gewöhnt werden. Sinnvoll sind Transportgamaschen, die vom Huf aus bis über das Sprunggelenk und das Vorderfußwurzelgelenk reichen und eine ausreichende Materialfestigkeit bieten. Dabei sollte die Beweglichkeit der Gelenke nicht so stark eingeschränkt werden (daher eher nicht die alten harten Modelle). Bandagen bieten im Allgemeinen keinen ausreichenden Schutz.“

Welche Schäden können schlecht sitzende Gamaschen (Training/Transport) hervorrufen?
Dr. Florian Roggel: „Von schlecht sitzenden, verschmutzten oder zu lange getragenen Gamaschen geht eine relativ große Gefahr aus: Sammelt sich beim Training oder auf der Weide Dreck unter den Gamaschen, kommt es relativ schnell zu Scheuerstellen und sie verursachen so wunde Hautstellen bis hin zu schweren Einschüssen, abgestorbenen Hautbereichen (Nekrosen) und Druckstellen an den Sehnen mit Lahmheiten. Dies kann auch bei zu fest angelegten Gamaschen geschehen, da die Haut am Pferdebein an vielen Stellen direkt auf Knochenvorsprüngen und Sehnen aufliegt und nicht durch darunterliegende Muskeln oder Fettpolster geschützt ist. Durch den Druck der Gamasche wird die Haut nicht mehr ausreichend durchblutet und beginnt nach kurzer Zeit abzusterben. Diese so entstandenen Druckstellen heilen häufig mit Bildung von Narben und weißen Haaren.“ www.pferdepraxis-roggel-buecker.de

Veröffentlichung in der Print-Ausgabe HIPPO 11/2018

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