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JUST FOR FUN

Rund 3,9 Millionen Menschen reiten in Deutschland. Der weitaus größte Teil von ihnen sind Freizeit- oder Hobbyreiter. Sie steigen aus reiner Freude zum Pferd in den Sattel — frei von turniersportlichen Ambitionen. Die über zwei Millionen Pferdefreunde sind eine wichtige und sehr interessante Kundengruppe — oder eher gesagt ein Konglomerat aus diversen Gruppierungen: Wir stellen Ihnen die Top Six der Freitzeit­reiter-Typen vor und sagen, was sie wollen und benötigen!

© Doroty Kudyba Pixabay

Den Freizeitreiter anhand verschiedener Reitweisen zu porträtieren, besagt nicht, dass allein Englisch­reiter Turniersport betreiben. Ganz sicherlich sind auch eine Reihe Western-, Island- und Barock­reiter turniermäßig aktiv, treten auf Shows auf oder arbeiten einfach nur professionell mit ihren Pferden. Aber: Häufig sind Freizeitreiter ebenso „frei“, dass sie gerne mal „alternativ“ reiten oder über den Tellerrand ihrer bisherigen Reitweise hinausschauen. 
Und hier setzt die Verkaufsstrategie an. So interessieren sich Freizeitreiter als Kunden sicherlich für das ein oder andere Basis-Equipment aus anderen Reit- oder Bodenarbeitsbereichen und könnten auch über Motto-Sales in neue, alte oder alter­native Reitkünste hineinschnuppern. Hier könnte man den Produktverkauf beispielsweise im Rahmen eines Trainings-­Seminars ankurbeln. Wenn Sie nun zur Friesenwoche, zu den Islandtagen oder dem Wildwest-Weekend einladen, verbinden Sie das mit Vorträgen, mit Schnuppertrainings oder auch mit einem flankierenden Themenverkauf.
 
Totale Normalos
Die total „normalen“ Freizeitreiter brauchen nichts Außergewöhnliches, sondern vernünftige Basics. Wetterfest, bequem, langlebig. Natürlich gibt es auch in der Fraktion der Freizeitreiter echte Fashionistas mit dem Hang zum kompletten Kollektionskauf alle sechs Monate. In der Regel aber ist die praktische und eher robust angelegte Bekleidung erste Wahl und auch in Sachen Pferdeequipment sind solide Allrounder von der Trense über den VS-Sattel bis zur Gamasche angesagt.
 
Gechillte Cowboys und feurige Gauchos
Westernreiten in seiner gechillten Form ist bei Freizeitreitern sehr beliebt. Die lässige Art, das Pferd am hängenden Zügel zu steuern, der super bequeme Sattel und auch die coole Kleidung, die ja nicht nur auf dem Pferd eine super Optik mimt, all das vereint viele Fans. Ebenfalls im Cowboylook – aber im südamerikanisch angehauchten Stil – sind Gauchos unterwegs. Ihr Art, zu reiten, ihr komfortabler Arbeitssattel, der von echten Fans auch als Kopfkissen bei einer wohlverdienten Pause genutzt wird, finden in unseren Breitengraden etliche Liebhaber. Gerade auch weil diese Szene sehr aktiv im Bewerben ihrer Reitweise ist und neben Schulungen vor Ort auch Reiterferien auf weitläufigen Ranches mit der Möglichkeit zur Rinderarbeit anbietet.
 
Motiviertes Bodenpersonal
Viele Freizeitreiter sind echte Fans von Bodenarbeit. Neben einer entsprechenden Auswahl an Halfter, Führstricken in diversen Längen und hochwertigen Longen können hier nicht nur Pylonen oder Bodenstangen, sondern auch Schaumstoffbalken, Fahnen und Flaggen oder auch Poolnudeln Ihr Sortiment erweitern.
 
Trapper und Wanderer
Ob sonntägliches Ausreiten, ausgedehnte Strand­ritte oder sogar Ganztages- oder Wochentouren im Sattel – die Natur zu Pferd zu erleben, ist eine herrliche Sache und gerade bei Freizeitreitern äußerst beliebt. Hier gibt es eine Reihe von Ausrüstungsstücken, die absolut hilfreich sind: Angefangen von der wetterfesten Kleidung für Wanderreiter, von Hüten, Handschuhen und robusten Stiefeletten über spezielle Wanderreit­sättel mit Höchstkomfort für Ross und Reiter bis hin zu Transport-Equipment und Camping-Zubehör. Auch Kartenmaterial und spezielle Apps zur Standortbestimmung zum Reitwegenetz oder zur Gesetzeslage im Ausreitgebiet könnten  den Freizeitreitern gezielt weiterhelfen.
 
Nischensucher
Viele Freizeitreiter interessieren sich für Spezialpferderassen wie die sogenannten Gangpferde und deren entsprechende Reitweisen. Die Gang­pferde sind in der Regel sehr bequem und mit wenig Aufwand zu sitzen. Das schätzen die Hobbyreiter. Die in Deutschland bekannteste Gangpferderasse ist die der Islandpferde. Aber auch beispielsweise die Mangalarga Marchadores aus Brasilien erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Reiter der speziellen Gangpferde reiten ihre Pferde in der Reitweise, die auch im Ursprungsland der Pferde praktiziert wird. Aber auch andere Rassen sind bei Freizeitreiten beliebt: Neben Friesen sind gutmütige Kaltblüter angesagt. Je nach Nische benötigen die Reiter entweder das gesamte Outfit der speziellen Reitweise. Oder wenn die normale Reitkleidung getragen werden kann, so benötigen einige Pferderassen aufgrund ihrer Körperlichkeit exklusives Zubehör.  Beispielsweise Kaltblüter: Sie brauchen in jedem Fall extra breite Sättel und Halfter und Trensen, die auch etwas größere Köpfe gut abdecken. Auch das Thema Decken ist hier präsent.
 
Country-Fans, Jagdfreunde und Life-Stylisten
Viele – gerade stationäre Fachhändler unter Ihnen – bedienen das Segment Accessoires und Interior in zunehmendem Maße und haben hier ein breites, wechselndes Sortiment, das nicht nur Pferdefreunde und Freizeitreiter begeistert, sondern auch Laufkundschaft auf ihrer Suche nach dem gewissen Extra in Ihre Geschäfte führt. Landlust, Lifestyle und der Sinn für das Schöne rund um das Thema Pferd und Hund sind total angesagt und in Ihrem Warenangebot relativ weit ausbaubar.
 
Großer Beratungsbedarf
Freizeitreiter lassen sich in der Regel gerne beraten und haben tatsächlich auch einen erhöhten Beratungsbedarf. Nicht alle sind mit Pferden auf­gewachsen oder haben bereits jahrelanges und vor allem echtes Fachwissen im Gepäck. Sie mit Ihren profunden Kenntnissen sind gefragt und aufgefordert, umfassend und wenn möglich produktübergreifend abzufragen, zu beraten, und Empfehlungen auszusprechen.
 
Faktor Sicherheit
Bei der Nachfrage nach Sicherheitswesten hat sich in den letzten Jahren enorm viel getan. Waren die Bodyprotektoren vor Jahren nur im Vielseitigkeits­­sport Pflicht, so haben sie inzwischen den Bereich der Freizeitreiterei erreicht und sind von den Hobbyreitern ganz stark nachgefragt. Gerade auch die große Gruppe der Wiederein­steiger möchte, anders als zur Jugendzeit (ohne Helm und Weste), nun einen möglichst sanften Aufenthalt im Sattel. Auch wenn gerade der Rückenprotektor als Light­version der Sicherheitsweste eine bequeme Alternative zur starren Weste in Level 3 zu sein scheint, sollten Sie ehrlich darauf hinweisen: Solch ein Modell schützt nur die Wirbelsäule. Gegen etwaige Verletzungen am übrigen Oberkörper bietet er keinen Schutz. 
Aber: Besser als gar keine Schutzausrüstung für den Torso ist er auf jeden Fall. Sowohl bei einer echten Sicherheitsweste oder deren eingeschränkter Alter­native als auch beim Helm müssen Sie die Passge­nauigkeit sehr sorgsam checken und den Freizeitreiter in seiner Kaufentscheidung sicher begleiten.

© Elke Jakobi


Von Kamilla Tee, 

Helmut Held und Lilli Luxus

Ein Freizeitreiter ist ein Reiter, der in seiner freien Zeit reitet. Aber da er ja in dieser Zeit reitet, ist sie – die Zeit, meine ich – nicht mehr frei. Folglich gibt es ihn streng genommen gar nicht, den Freizeitreiter.

Dann stellt sich natürlich die Frage: Wer preschte letzten Sonntag im frischen Galopp an mir vorbei, so dass mich nur ein gezielter Hechtsprung ins dichte Unterholz vor donnernden Hufen rettete? Hatte sich etwa ein Beerbaum im Wald verirrt? Wohl kaum. Vielleicht war diese Mixtur aus Erlkönig und reiterlicher Hilflosigkeit ja so etwas wie ein Hobby-Reiter. Ich nehme es stark an. Denn das würde erklären, warum er nicht „guten Tag“ gesagt hat. Schließlich gehören die Hobby- oder meinetwegen auch Freizeitreiter zur schweigenden Mehrheit der deutschen Reiter. Aber warum sprechen sie nicht? Weil sie sich selbst sowieso nicht verstehen – auch untereinander? Wie denn bloß?  Es gibt Robust-Reiter, Schick-Reiter und ganze Kerle, Cowboys, Prinzessinnen und Generäle. Die sprechen nun mal nicht mit einer Zunge. Kritisch wird’s erst, wenn auch die Pferde sie nicht verstehen. Gingen wir bei diesen zwei Millionen reiterlicher Aliens einfach mal von drei Hauptabteilungen aus, so vermute ich, dass die Tetenreiter Kamilla Tee, Helmut Held und Lilli Luxus heißen. Den rustikalen Haflinger, den springbetonten Oldenburger und den edlen Hannoveraner können Sie als entsprechendes vierbeiniges Zubehör sicherlich ganz selbstständig zuordnen.
Um sich selbst zu finden, sucht Kamilla Tee Erholung in Wald und Flur im harmonischen Einklang mit Pferd und Natur. Seine schwelende Midlife­crisis verjagt Helmut Held mit klarem Korn und einem flotten Ritt, volle Pulle, Marsch. Lilli Luxus ist eine wirklich gutaussehende Reiterin – wenn sie nicht reitet. Und ihr Bereiter ist auch nicht schlecht. Kamilla und ihre Softies schaukeln seelig im Westernsattel. Total gern würden sie alle einmal zur Friedensdemo. Nur die Pferde nicht. Diese Ver­weigerungshaltung geht echt unter die Regenhaut. Ich denke, sie müssten erst einmal ausdis­kutieren, wer Leithengst ist, in dieser Beziehung.
Also bei Helmut Held ist das geklärt. Wenn der die Schenkel schließt, sagen sich die Sporen im Pferd „hallo“. Wo dieser schneidige Mann im besten Alter reitet, da wächst kein Gras mehr. Ein zackiges Halali auf den Lippen, hält er unerschrocken die Zügel in eiserner Faust. Und überhaupt, er wäre gern zur Kavallerie gegangen, das können Sie mir glauben.
Lilli Luxus ist reiterlich zurückhaltender. Sie trägt, und da bin ich mir sicher, die extra engen Lederstiefel nur, damit ihre zitternden Beine Halt finden. Die rehbraunen Nappa-Handschuhe saugen den kalten Angstschweiß diskret auf. Eigentlich beweist Lillis gepflegtes Erscheinen insgesamt, dass sie nicht nur während, sondern auch vor dem Reiten nicht in die Nähe ihres Pferdes kommt.
Was ich an Kamilla mag, sind ihre bunten Woll­socken. Aber ich finde, ausreiten macht einfach mehr Spaß, wenn man nicht die Hälfte des Rittes führt und bei jeder Pfütze die Tiefenangst des Pferdes vor Wasser mit japanischen Massagegriffen lösen muss. Helmut brettert durch jede Pfütze. Egal ob gefroren oder nicht. Und wenn es nur einmal im Jahr ist. Schluck Mut aus dem Flachmann und auf geht‘s zur nächsten Einkehr. Dort lechzen die Pferde mit zitternden Flanken nach Luft. Lillis Pferd ist übrigens ein richtiges Turnierpferd. Und deshalb kann sie es auch nicht reiten. Genau genommen ist sie die einzig konsequente und wahre Freizeitreiterin. Denn wenn sie nicht im Sattel sitzt – und das tut sie selten –, hat sie so viel freie Zeit. Zum Golfspielen oder Tennis.     
 
Veröffentlichung in der Ausgabe HIPPO 1/2020 

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