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Nachhaltigkeit: Trend oder Trägheit?

Nachhaltigkeit ist viel mehr als ein Trend: Nachhaltigkeit ist unsere Zukunft. Warum nur verhält sich der Pferdesport in Sachen Nachhaltigkeit so träge? Die ersten, die nach und nach auch mal den grünen Daumen heben und bei der Produktion ihrer Ware das Thema Nachhaltigkeit in den Fokus stellen, sind die Hersteller. Handel und – man lese und staune – die Kunden zeigen sich hier ausnehmend desinteressiert! Warum dieses „Egal“ bei einer Klientel, die wie fast keine andere ihre Passion in und mit der Natur lebt?

Hersteller als Vorreiter
Anders als beim Kunden und beim Fachhandel spielt Nachhaltigkeit in der Herstellung der Ausrüstung überraschenderweise eine zu­nehmend starke Rolle! Die Hersteller nämlich machen sich Gedanken über diese so wichtige Idee. Stefan Schwanbeck, Inhaber von USG, beschreibt seinen Ansatz zum Thema wie folgt:  „Als Firmenphilosophie arbeiten wir in der Produktion ausschließlich mit BSI zertifizierten Unternehmen zusammen. Dabei sind die Wasser-, Abwasser-, Sozial- und Arbeitsbedingungen sowie Umwelt und Entsorgung Teil der jährlichen Überprüfungen.“ Schwanbeck meint zudem, dass auch der Handel ein stärkeres Bewusstsein für Umweltschutz entwickelt und macht das allerdings weniger am Produkt als solches als am Beispiel von reduziertem Verpackungsmaterial deutlich: „Der Handel verlangt weniger Versandverpackung, was durch Paketversand zum Schutz der Artikel manchmal schwierig ist. Einzelverpackungen werden aber derzeit von uns nach und nach überarbeitet und reduziert“, so der USG-Chef.  

Foto: © Tumisu_Pixabay

Das Thema Nachhaltigkeit greift EQuest mit dem Produktionsstandort Deutschland auf: „Ein wichtiges Merkmal des EQuest-Sortiments ist Made in Germany. Der Großteil aller Produkte wird noch immer am ursprünglichen Standort im münsterländischen Horstmar-Leer produziert. Die Mehrheit unserer Zulieferer kommt ebenfalls aus Deutschland beziehungsweise aus Europa. Durch die bewusste Auswahl unserer Partner versuchen auch wir, unseren Beitrag zur Nachhaltigkeit zu leisten. So werden schon in der Entwicklung unserer Produkte Lieferanten in der Umgebung bevorzugt, sodass Transportwege minimiert und Ressourcen gespart werden.“ Außerdem produziert EQuest auftragsbezogen. Dadurch entstehen keine Überhänge und eine Preisstabilität ist gewährleistet. „Unsere hauseigene Produktion sorgt stetig, aber auch langfristig für eine hohe Qualität der Produkte.“ EQuest ist das noch ausbaufähige Interesse von Seiten der Pferdesportler durchaus bewusst: „Wir würden uns freuen, wenn das Bewusstsein gegenüber Nachhaltigkeit im Reitsport einen höheren Stellenwert erhalten würde, wünscht man sich nämlich bei dem Münsterländer Unternehmen“, so Christina Rubart von EQuest.   
 
Cavallo beispielsweise produziert seine Kernprodukte Reitstiefel, Reithosen und Turnierbekleidung nachhaltig in Europa. Cavallo-Produktmanager Holger Vogl erläutert: „Sowohl Leder für Reitstiefel als auch Stoffe und Zutaten für Reithosen und -Sakkos beziehen wir ausschließlich von europäischen Herstellern. Die Produktion im europäischen Ausland ist transparent und schont die Ressourcen, da Transportwege kurz sind. Die Betriebe sind langjährige Partner, arbeiten exklusiv für Cavallo und garantieren unsere bedingungslose Qualität.“
 
Veröffentlichung in der Print-Ausgabe HIPPO 1/2019

FN – mit gutem Beispiel voran!
Nicht immer ist die FN ein wirklich gutes Vorbild für ihre knapp 690.000 Mitglieder. In Sachen Nachhaltigkeit aber kann man durchaus den Blick nach Warendorf wagen: „Wir haben ein Solardach, außerdem heizen und kühlen wir den FN-Neubau mit Wärmepumpe in Verbindung mit Grundwasser. Zusätzlich versuchen wir momentan, den am Bundesleistungszentrum anfallenden Pferdemist als Brennstoff durchzusetzen, und sind in diesem Zusammenhang mit der Politik in Berlin im Gespräch. Damit würden schätzungsweise mehr als 320 Tonnen CO2 pro Jahr eingespart. Aber noch gilt Pferdemist als Müll, daher gibt es leider noch Umsetzungsprobleme. Auf unseren Turnieren verwenden wir in der eigenen Gastronomie nur Mehrweggeschirr und haben darauf verzichtet, auf dem Turniergelände feste Wege anzulegen, sondern nutzen dafür Hackschnitzel, die hinterher wiederverwendet werden können und am Ende in einer Biogasanlage verwertet werden. Nicht zuletzt gehören auch Investitionen in Fortbildung und Gesunderhaltung der Mitarbeiter zum Thema Nachhaltigkeit. Das wird bei uns ja bekanntlich stark unterstützt. Zu den Maßnahmen gehören hier unter anderem das Angebot von Dienstfahrrädern, die finanzielle Unterstützung fürs Fitnessstudio sowie die regelmäßigen Arbeitsplatzbegehungen in Zusammenarbeit mit einer Krankenkasse, um die Ergonomie des Arbeitsplatzes zu garantieren.“ Uta Helkenberg, Pressesprecherin FN
 
Veröffentlichung in der Print-Ausgabe HIPPO 1/2019 

 

Foto: © Pixabay

 
 
Blick über den Tellerrand
Etliche Studien zum Thema Kundenverhalten offenbaren: Kunden wollen Nachhaltigkeit. Ob Kosmetika, Markenmode oder Nahrungsmittel – die Branchen bestätigen unisono den Wunsch nach Information, nach Transparenz, nach Umwelt- und Sozialverträglichkeit von Produkten und Produktionswegen. Ganz anders allerdings verhält es sich in der Pferdesportbranche. Bei der aktuellen Befragung von Kunden und Händlern und Herstellern wird erschreckend deutlich, dass kaum jemand sich beim Kauf von Reitsport­equipment um den Schutz der Umwelt oder die soziale Gerechtigkeit schert. Das Thema Nachhaltigkeit ist den meisten geradezu unangenehm. Sowohl Kunden als auch Händler reagieren peinlich berührt, wenn sie nach ihrem Engagement in Sachen Nachhaltigkeit gefragt werden. Als ob sich das schlechte Gewissen meldet. Denn: Vielen wird erst dann bewusst, dass gerade der Reitsport als „grüner Sport“ eine Vorreiterrolle beim Bewusstsein für Umwelt für faires Verhalten rundum einnehmen sollte und es dennoch immer noch nicht tut. Spannend ist: Kunden und Verkäufer sehen jeweils ihr Gegenüber in der Verant­wortung. Die Händler attestieren also dem Käufer ein ziemliches Desinteresse in Sachen Fairness gegenüber Mensch, Tier und Umwelt – weshalb sie dieses Thema in Verkaufsgesprächen bewusst ausklammern. Die Kunden hingegen bemängeln, nachhaltig Produziertes würde nicht entsprechend beworben und schon gar nicht beratend in den Vordergrund gestellt. Es würden Größen, Passformen, Material- und Designwünsche abgefragt, aber nie erwähnt, welchen Produktionsweg eben eine Trense, eine Reithose oder ein Stiefel gegangen sind. 
 
Veröffentlichung in der Print-Ausgabe HIPPO 1/2019


Foto: © Arek Socha_Pixabay


 
Nachgefragt bei Mathias Raschat
 
Wie engagiert sich Euroriding über die Auswahl und Kontrolle der Fertigungsorte und -Bedingungen hinaus nachhaltig?
„Wir haben jedes Jahr 30.000 Tragetaschen aus Plastik in Umlauf gebracht. Das ist leider mit Abstand die günstigste Variante für die Shops, gekaufte Ware mitzugeben. Seit einem Jahr haben wir die sogenannten Non-Wooven-Tragetaschen als Ersatz im Programm. Diese Taschen sind auf viele Arten wieder zu verwenden, selbst als Strandtasche. Bedingt durch den Preis, der jetzt fast zehnmal so hoch ist, haben einige Händler Tragetaschen anderer Marken im Programm. Das hat uns aber nicht gehindert, die Plastiktüten zu verbannen. Mittlerweile haben wir auch über 25.000 der neuen Taschen in Umlauf gebracht. Seit Jahren arbeiten wir darüber hinaus mit der Firma Interseroh – einem Dienstleister für Umweltmanagement – zusammen, die für uns die Rücknahme und das Recycling der Umverpackungen organisieren. Unsere verwendeten Leder für Zäume und Zubehör werden weiterhin in Asien verarbeitet, aber wir verwenden Rohwaren aus Italien, Amerika und England und umgehen damit die Gerbereien in Indien, wo die Umwelt- und Arbeitsbedingungen mangelhaft sind. Euroriding beschäftigt in Neu-Delhi einen Mitarbeiter, der regelmäßig Kontrollen bei unseren Zulieferern macht. Hier werden neben den Qualitätskontrollen auch regelmäßig unangemeldete Besuche der Fertigung gemacht.“
 
Muss Nachhaltigkeit teuer sein?
„Ich habe vor Jahren einmal versucht, eine inzwischen gut bekannte Zertifizierung für Euroriding-Produkte zu erlangen. Die Formali­täten waren derart umfangreich, dass wir am Ende darauf verzichten mussten. Zudem kostet die Zertifizierung an sich natürlich Geld. Bei allem Verständnis für die Umlage der administrativen Tätigkeiten war diese Zertifizierung für Euroriding nicht erschwinglich und hätte unsere Produkte derart verteuert, dass wir im Wettbewerb nicht mehr hätten bestehen können. Also: Ja – zertifizierte Nachhaltigkeit ist teuer und gute Produktionsstandorte sind naturgemäß nicht immer die günstigsten. Hier können Handel und Produktion nur dem Kunden folgen. Wenn dieser ausreichend Priorität auf Nachhaltigkeit legt und dies einfordert, dann wird sich das auch bis runter in die Produktionsstätten, Arbeitsbedingungen und letztlich Löhne und Umweltbedingungen auswirken.“
 
Gibt es beim Auftreten gegenüber den Fachhändlern und Herstellern irgendwelche Nachhaltigkeits-Regeln/-Agreements, mit denen Euroriding auf den Nachhaltigkeitsgedanken aufmerksam macht?
„Wir teilen unsere Ideen und Ziele immer in internen Rundschreiben an die Euroriding-Händler mit und werben für Nachhaltigkeit. Wir haben den Versand von Dokumenten, Packlisten, Rechnungen und ähnlichem weitgehend digitalisiert und ver­zichten auf den Ausdruck auf Papier. Es gibt aber zweifellos noch viele Optimierungsmöglichkeiten – es ist ein langer Prozess.“ Danke, Mathias Raschat, Geschäftsführer von Euroriding, dem weltweit größten Einkaufsverband der Pferdesportbranche. www.euroriding.de
 
 Veröffentlichung in der Print-Ausgabe HIPPO 1/2019

 

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