Noch

bis

HIPPO Logo

Saddlefitting — moderne Maßnahmen

Erst wird gemessen, dann angepasst, so läuft das Prozedere beim Saddlefitting bestenfalls. Augenmaß und Fingerspitzengefühl sollte dabei wohl jeder Sattler von Hause aus mitbringen. Darüber hinaus präzisieren viele Sattler ihren ersten Eindruck mit Hightech-Maßnahmen.

© Pferde und Sattel Ergonomin Katja Lange

Zu den bewährten Methoden gehören mit Sensoren bestückte Pads, Rückengitter – von schlicht bis hochtechnisiert – sowie Scanverfahren, beispielsweise per Laser. Diese Verfahren messen exakt, dokumentieren präzise, speichern relevante Daten und lassen die Messergebnisse so sicher und transparent übermitteln. Das ist übrigens nicht nur für den späteren Komfort des perfekt sitzenden Sattels ideal, sondern auch im Fall einer juristischen Auseinandersetzung von enormem Vorteil. Immer wieder nämlich monieren Kunden Unpässlichkeiten beim Sattel vor Gericht!
 

© Pferde und Sattel Ergonomin Katja Lange


Sattelphilosophie fürs Leben
„Es gibt viele verschiedene Messsysteme auf dem Markt. Um diese miteinander zu vergleichen, müssten erst einmal die Begrifflichkeiten einheitlich definiert werden. Die meisten Messsysteme beschränken sich in der Regel, je nach Schwerpunkt der Erfinder, auf die reinen Maße innerhalb der Sattelauflagefläche. Diese ist folgendermaßen zu finden: Bei quadratisch stehendem Pferd wird von der Hinterkante des Schulterblatts bis zum senkrechten Verlauf des letzten Brustwirbels das Maß genommen. Nach der Saddlefit 4 Life®-Philosophie evaluieren wir Pferd und Reiter in 80 Punkten, um die Ist-Situation ganzheitlich zu erfassen. Zum Vermessen – egal ob Neu- oder Gebrauchtsattel – werden folgende Punkte aufgenommen:
Das Vermessen des Reiters, in Relation Beinlänge – Ober- und Unterschenkel zu Körpergröße und Gewicht – genderspezifisch selbstverständlich, da geschlechtsspezifische anatomische Unterschiede des Reiters einen erheb­lichen Unterschied in der Druck­verteilung ausmachen. Das Vermessen des Reiters, in Relation Beinlänge – Ober- und Unterschenkel zu Körpergröße und Gewicht – genderspezifisch selbstverständlich, da geschlechtsspezifische anatomische Unterschiede des Reiters einen erheb­lichen Unterschied in der Druck­verteilung ausmachen. Ergänzend wird das Pferd in Anatomie und Körperbau analysiert. Eine dynamische Beur­teilung unter dem Sattel beim Reiten mit Analyse des Staubabdruckes des Sattels gehört ebenso dazu wie die vorherige statische Analyse zu der ganzheitlichen Evaluierung von Reiter und Pferd.
Jeder dieser 80 Punkte hat Einfluss auf die Sattel­passform. Den in seiner Beschaffenheit starren Sattel gilt es, mit großer Sorgfalt an die Bewegung des Pferdes und Bedürfnisse des Reiters anzupassen. Reitweise, Reitart, Fütterung und Krankheiten sind zum Beispiel auch zu beachtende Einflussfaktoren, um tiergerecht agieren zu können.
Das Wissen um Anatomie von Pferd und Reiter als auch deren Biomechanik kann nur durch ein gut geschultes und erfahrenes Auge auch entsprechend angewandt werden. Hierfür ist eine umfassende theoretische und praktische Ausbildung nach der Saddlefit 4 Life®-Philosophie zwingend notwendig. Zum reinen Vermessen werden verschiedene Messwerkzeuge genutzt: Leather Tracer, Sprenger Winkel, Arc Devise und Maßband. Das technische Erlernen ist nicht sehr schwierig und wird bereits in den Pferde Ergonom-Kursen nach Saddlefit 4 Life® gelehrt.
Um eine ganzheitliche Analyse – und damit ver­bunden einen dauerhaft passenden Sattel – anzufertigen, bedarf es jedoch eines umfassenden Fach­wissens, um die Messdaten korrekt auszuwerten und in die richtige Relation zueinander zu bringen. Die ist durchaus vergleichbar mit einer Anamnese beim Arzt. Bei der Saddlefit 4 Life®-Philosophie beziehungs­weise -Messtechnik wird, im Gegensatz zu vielen anderen Systemen, alles, was sich vor und hinter dem Sattel befindet, ebenso beachtet. Alle Faktoren müssen aufgenommen werden, bevor aus diesen ein Gesamtbild von Reiter und Pferd entsteht.
Für diese detaillierte 80-Punkt-Analyse und perfekte Anpassung eines Sattels gibt es speziell von Schleese und Saddlefit 4 Life® geschulte Experten, die zum Teil aus der Berufsreiterei kommen und mit Expertise und Wissen aus einem großen Erfahrungsschatz schöpfen können. Alle Sattel Ergonome sind in Biomechanik und Anatomie speziell ausgebildet und werden alle zwei Jahre von Jochen Schleese – dem Gründer der Saddelfit 4 Life®-Philosophie – persönlich rezertifiziert und nach den neuesten Erkenntnissen weiter geschult.
 
Katja Lange
Zertifizierte Pferde und Sattel Ergonomin
Pferdewirtschaftsmeisterin Reiten
info@saddle4horse.com
T: +49 (0)1 71/6 83 60 83
 

© Pferde und Sattel Ergonomin Katja Lange

 
Nachgefragt bei Katja Lange
Es gibt einfach Rückengitter zu kaufen, damit jeder den Pferderücken selbst ausmessen kann. Was halten Sie davon, sollte der Fachhandel so etwas anbieten?
Katja Lange: „Einfache Rückengitter sind hierzu für den Kunden und Reiter eher verwirrend, da man hiermit nur einen kleinen Teil des Gesamtbildes erfassen kann und die Anwendung oft nicht korrekt erfolgt. Rückengitter können keinen Aufschluss über die Gesamtsituation geben, da weder das Pferd in Bewegung noch der Reiter entsprechend berück­sichtigt wird.“

„Um die Anpassung eines Sattels wird oft ein großes Geheimnis gemacht. Im Grunde ist das Ziel einer Anpassung recht einfach: Der Sattel muss in Berück­sichtigung aller Reflexpunkte, die Langzeitschäden und Kompensationen von Pferd und Reiter auslösen beziehungsweise fördern können, angepasst werden. Es gilt, den Reiterbalancepunkt über den Pferde­balancepunkt zu bringen.“
Katja Lange, zertifizierte Pferde und Sattel Ergonomin 
 
 

© Pferde und Sattel Ergonomin Katja Lange

 
HIPPO spricht mit Sattlermeister Frank Peter
Sattelanpassung — welches sind die größten Herausforderungen dabei?
Frank Peter: „Das veränderte Exterieur der Pferde: Da die Pferde immer größere Bewegungen zeigen sollen, wird die Schulter immer schräger gezüchtet. Das heißt, um genügend Schulterfreiheit zu gewährleisten, muss der Sattel weiter hinten sitzen. Folglich ist die Sattellage verkürzt. Erschwerend kommt hinzu – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes –, dass wir es in der Breite mit immer gewichtigeren Reitern zu tun haben: Man kann also sagen, wir Sattelmeister – und die Pferde – kämpfen mit der Herausforderung, immer weniger Platz für den Sattel zu haben bei immer mehr Gewicht im Sattel... Hinzu kommt, dass die immer höher im Blut stehenden Pferde deutlich empfindlicher sind und sensibler auf die kleinsten Unpässlichkeiten reagieren.“
 
Welches sind die häufigsten Fehler, die beim Sattelanpassen gemacht werden, und welche Defizite beobachten Sie? Was also wird häufig vergessen oder fälschlicherweise als wenig wichtig erachtet?
Frank Peter: „Die sorgfältige Beurteilung des Pferdes, die Anamnese möglicher Probleme und die Dokumentation des Beratungsgespräches. Angefangen eben von den Infos zum Pferd, über die vorhandene Problematik bis zum detaillierten Notieren der Messergebnisse. Darüber hinaus vergessen die Sattler häufig, den Kunden richtig zu briefen: Der Sattel muss bei den veränderten Pferderücken nicht mehr so gelegt werden, dass die ‚eine Hand breit zwischen Ellbogen und Sattelgurt‘ das Maß aller Dinge ist, sondern die Schulter gibt heutzutage die Lage des Sattels vor. Diese muss sich frei bewegen können. Das müsste auch dringend in den FN-Richtlinien verändert werden und die Sattler müssen es aktiv kommunizieren. Last but not least muss das Thema Nachgurten angesprochen werden. Es ist erschreckend, aber viele Reiter gurten nicht oder nicht häufig genügend nach. Vermitteln Sie mindestens ein dreimaliges Nachgurten! Direkt nach dem Aufsteigen von der Aufstiegshilfe noch im Stand, vor dem Antraben und nach einer Reprise im Trab.“

© Sattlermeister Frank Peter, Siegen

 
Gibt es vielleicht ein oder zwei Lehrsätze, mit denen der Kern einer guten Sattelausmessung/-anpassung zusammengefasst werden könnte?
Frank Peter: „Immer erst das Pferd beurteilen, dann sind schon 50 Prozent des Ausmessens vollzogen! Und: Man muss das Pferd stets im Stand und in der Bewegung anschauen und die Messung auch in mobilisiertem Zustand durchführen.“
 
Welches Messsystem empfehlen Sie?
Frank Peter: „Ich empfehle das Messsystem, das vom Bundesverband der Sattlermeister (BVFR) entwickelt wurde (www.saddle-check.de). Mithilfe von fünf Biegelinealen, welche an bestimmt definierten Messpunkten angelegt werden, und einer speziellen Wasserwaage kann der Pferderücken damit dreidimensional abgebildet und archiviert werden. Der Sattler kann die Sattellage des Pferdes dann an dem zum Messsystem gehörenden Tomax-Pferderückenabbilder reproduzieren. So hat man die Möglichkeit, auch von unten einen Blick gegen das Sattelkissen zu werfen. Grundsätzlich rate ich immer zu Messsystemen, die 3D-Aufmaße nehmen können.“

Aus- und Fortbildung, ein wichtiges Thema: Was wünschen Sie sich hier von Seiten der unzähligen „Sattel-Experten", die auf dem Markt ihre Dienste anbieten?
Frank Peter: „Zunächst einmal wünschte ich mir deutlich weniger selbsternannte ‚Sattelexperten‘. Die ein oder andere Fortbildung von Seiten der Hersteller oder ‚Fach‘-Instituten vermittelt nicht ansatzweise das Wissen, das ein gelernter Sattlermeister haben sollte. Einen Sattel zunächst auszumessen und anzupassen und ihn anschließend entweder als Neuanfertigung herzustellen oder ein genutztes Modell passend aufzuarbeiten, ist ein Meisterwerk, das ist nichts für Wochenend-Sattler. Die bekommen in den seltensten Fällen die Herausforderung eines perfekt passenden Sattels gelöst. Das ärgert mich: für den Beruf des Sattlers, für den Kunden und für die Pferde. Die semiprofessionelle Tätigkeit kostet eine Menge Geld, ohne dass etwas Optimales dabei rauskommt. Wir sollten uns immer wieder sagen: Die Pferde haben es verdient, dass wir ihnen zuhören und darauf entsprechend fachmännisch reagieren.“
Besten Dank, Frank Peter!
 
Frank Peter ist Sattlermeister und unter anderem als Experte bei der FN für die Ergänzungsqualifikation Sattelbeurteilung tätig. Zudem ist er vereidigter Sachverständiger für das Sattlerhandwerk, Mitglied im Bundesverband der Sattlermeister (BVFR) und der Society of Mastersaddlers. Er betreibt das Familienunternehmen Reitsport Peter in Siegen. Hier hat Sattelkompetenz ihr Zuhause.
www.reitsport-peter.de
 

© pixelio

 
Der Weg zum perfekt sitzenden Sattel
Wichtige Voraussetzungen
Nur bei einem richtig sitzenden Sattel ist gewährleistet, dass sich ein Pferd optimal bewegen und Höchstleistungen zeigen kann. Sitzt der Sattel falsch, ist das Pferd in seiner Bewegungsfähigkeit eingeschränkt. Es kann schmerzhafte Druckstellen bekommen. Achten Sie beim Anpassen auf:
  • Widerristfreiheit: Der Sattelkopf des Sattels liegt zirka einen Finger breit hinter dem Schulterblatt. Nach dem Angurten passen zwischen Wirbelsäule und Sattel zwei bis drei Finger übereinander.
  • Wirbelsäulenfreiheit: Der Sattel drückt nicht auf die Wirbelsäule, der Kissenkanal ist breit genug und bietet entlang der Wirbelsäule ausreichend Platz.
  • Sattelschwerpunkt: Der tiefste Punkt des Sattels befindet sich in der Sitzmitte. Die Schwerpunkte von Pferd und Reiter sind in dieser Position harmonisch aneinan­der ausgerichtet und erleichtern es dem Pferd, sich auszubalancieren. Der Schwerpunkt des Pferdes liegt etwa in der Mitte des Brustkorbes im Bereich des zwölften Brustwirbels.
  • Maßnehmen mit System: Um Sättel korrekt anzupassen und zu polstern, wird vom Kunden üblicherweise der Sattler des Vertrauens beauftragt, diese Anpassung vorzunehmen. Der qualifizierte Sattler hat die Möglichkeit, sowohl Änderungen am Polster als auch am Kopfeisen zur Einstellung der Kammerweite durchzuführen. Ein Sattelfachmann muss unserer Meinung nach aber gar nicht zwingend ein Sattler sein. Entscheidend ist, die Lage vor Ort richtig beurteilen zu können, um den richtigen Sattel für den Kunden und sein Pferd auszuwählen und dem Sattler nötige Veränderungen korrekt vermitteln zu können. In der Entwicklung der Sattelanpassung haben sich inzwischen neue Möglichkeiten eröffnet.

Wir bei Kieffer arbeiten intensiv mit professionellen Messsystemen, um von Werk aus präzise auf anatomische Besonderheiten eingehen zu können. Derzeit haben wir bei Kieffer drei gängige Messsysteme im Einsatz, deren Ergebnisse es uns ermöglichen, Ihren Kunden zum optimalen Sitz des Sattels zu verhelfen: EQUIscan ermöglicht das Vermessen des Pferderückens am stehenden Pferd mit Hilfe eines To­pographen. Der Topograph PRO besteht aus einer Längsstrebe, die dem Oberlinienverlauf des Pferderückens in der Sattellage angepasst wird, elf Querrippen in Fischgrätenform und zwei Libellen, die die Lage im Raum erfassen. Der Topograph wird mit insgesamt 98 Rastergelenken versteift und die Werte abgelesen. Die Ergebnisse können im PC eingegeben und archiviert werden. Eine 3D-Grafik stellt den Pferderücken dreidimensional dar. Eine Fotodokumentation des Pferderückens mit und ohne Topograph komplettiert die Dokumentation. www.equiscan.de

 
SADDLE-CHECK ermöglicht eine exakte Vermessung nach dem bundeseinheitlichen Messsystem des BVFR (Bundesverband der Fahrzeug- und Reitsportsattler e.V.). Das bundeseinheitliche Messsystem für Pferderücken dient der Zusammenarbeit der von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) e.V. im Arbeitskreis „Ausrüstung für den Reit- und Fahr­sport“ ausgebildeten FN-Sattelbeurteiler. Ziel ist es, jeden Pferderücken nach einem einheitlichen Messverfahren und möglichst einfach vermessen zu können. Dies bildet die Grundlage für die Anfertigung anatomisch angepasster Sättel. www.saddle-check.de
 
Erhalten wir vor Bestellung eines Sattels ein professionelles Maß, können wir im Vorfeld beratend bei der Klärung der Frage mitwirken, welche Kissenvariation sinnvoll ist. Für unseren beliebten Dressursattel Lusitano gibt es beispielsweise vier verschiedene Kombinationsmöglichkeiten der Sattelkissen, um für unterschiedliche anatomische Voraussetzungen des Rückens das optimale Kissen bereits vor dem Kauf auszuwählen. Die Polsterung wird vor Auslieferung direkt bei uns im Haus auf Maß angepasst, um ein bestmögliches Ergebnis zu erzielen. In vielen Fällen erstellen wir am Rückenmodell eine elektronische Druckmessung, um eine optimale Lage und Polsterung zu erreichen. Nach Lieferung des Sattels sollte die Passform idealerweise in Bewegung beurteilt und kontrolliert werden. Sofern erforderlich, kann im Anschluss daran auf Besonderheiten bezüglich der Dynamik korrigierend eingegangen werden. Stefan Schwanbeck, www.kieffer.net | www.usg-reitsport.de
 
Veröffentlichung in der Ausgabe HIPPO 9/2019  

Koelnmesse

Wir danken unseren Sponsoren